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Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873.

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XV. Strassenleben.
Spalieren, wuchsen prächtige Weiden, Sophora japonica, Rhamnus
zizyphus und andere Bäume in gesunder Kraft. Als die Ebene
grünte, fiel ihre Baumlosigkeit doppelt auf; der Salpeter des Bo-
dens soll allen Pfahlwurzeln verderblich sein. Der Horizont gleicht
ringsum der Meereslinie; nur einmal sahen wir, wahrscheinlich durch
Luftspiegelung, im Westen einen Höhenzug, wo sonst die Ferne
ganz eben erschien. -- Eine malerische Staffage bilden die zwei-
rädrigen Karren, die man allerwegen trifft: der sorgfältig gefügte
Kasten trägt gewöhnlich ein gewölbtes, mit blauem Stoff bezogenes
Schutzdach; in der Scheere geht ein starkes Maulthier, vor welches
häufig ein zweites gespannt wird. Ein Sonnensegel schützt das
Thier und den Kutscher, der mit baumelnden Beinen auf einem
Schaft der Scheere sitzt. Nur eine Person findet bequem Platz,
aber keinen bequemen Sitz in der Karre; denn man kauert am Bo-
den und empfindet jeden Stoss des federlosen Fahrzeuges weit
heftiger, als auf einer Bank. -- Segelnde Schiebkarren, die von
anderen Reisenden beschrieben werden, sind bei Tien-tsin selten;
das etwa drei Fuss breite Segel wird durch Schnüre in der Hand
des Schiebenden gelenkt.

So sehr wir auf den täglichen Ausflügen von Staub und
Hitze litten, so war es doch immer Gewinn, den Wohlgerüchen
der Stadt zu entrinnen. Die englischen Commandeure suchten ver-
gebens die Chinesen zu Reinlichkeit anzuhalten; in den engen
dunkelen Gassen stagnirten die ekelsten Dünste. Auf den Müll-
und Kehrichthaufen vor den Häusern wälzen sich nackte schmutzige
Kinder und kranke Hausthiere; an allen Ecken kauern Bettler, von
Schmutz und Elend strotzend; Krüppel mit jammervoll verzerrten
Gliedmaassen, mit offenen Beulen, Geschwüren und Ausschlag kriechen
winselnd von Lager zu Lager, räudigen Hunden und Schweinen
die aus dem Unrath aufgewühlten Abfälle streitig machend. Im
Stadtgraben stand dicke schwarze Jauche, mephitischen Qualm ath-
mend. Nach Regengüssen unergründlicher Koth, oft fusshohes
Wasser: alle Abzugsgräben waren verstopft, und wenn die Sonne
in den Brei schien, wurde der Gestank unerträglich. Dazu ein
dichtes Gewühl schreiender Krämer und Höker; Büsser, die jäm-
merlich heulend, mit einer Schuhsohle die blosse Brust schlagen,
Lastträger und Wasserkärrner, die sich brüllend Bahn brechen, eng-
lische Soldaten, die auf Eseln im Galop durch das Gewimmel zu
jagen suchen. Man drängt sich mühsam durch und streift viel

XV. Strassenleben.
Spalieren, wuchsen prächtige Weiden, Sophora japonica, Rhamnus
zizyphus und andere Bäume in gesunder Kraft. Als die Ebene
grünte, fiel ihre Baumlosigkeit doppelt auf; der Salpeter des Bo-
dens soll allen Pfahlwurzeln verderblich sein. Der Horizont gleicht
ringsum der Meereslinie; nur einmal sahen wir, wahrscheinlich durch
Luftspiegelung, im Westen einen Höhenzug, wo sonst die Ferne
ganz eben erschien. — Eine malerische Staffage bilden die zwei-
rädrigen Karren, die man allerwegen trifft: der sorgfältig gefügte
Kasten trägt gewöhnlich ein gewölbtes, mit blauem Stoff bezogenes
Schutzdach; in der Scheere geht ein starkes Maulthier, vor welches
häufig ein zweites gespannt wird. Ein Sonnensegel schützt das
Thier und den Kutscher, der mit baumelnden Beinen auf einem
Schaft der Scheere sitzt. Nur eine Person findet bequem Platz,
aber keinen bequemen Sitz in der Karre; denn man kauert am Bo-
den und empfindet jeden Stoss des federlosen Fahrzeuges weit
heftiger, als auf einer Bank. — Segelnde Schiebkarren, die von
anderen Reisenden beschrieben werden, sind bei Tien-tsin selten;
das etwa drei Fuss breite Segel wird durch Schnüre in der Hand
des Schiebenden gelenkt.

So sehr wir auf den täglichen Ausflügen von Staub und
Hitze litten, so war es doch immer Gewinn, den Wohlgerüchen
der Stadt zu entrinnen. Die englischen Commandeure suchten ver-
gebens die Chinesen zu Reinlichkeit anzuhalten; in den engen
dunkelen Gassen stagnirten die ekelsten Dünste. Auf den Müll-
und Kehrichthaufen vor den Häusern wälzen sich nackte schmutzige
Kinder und kranke Hausthiere; an allen Ecken kauern Bettler, von
Schmutz und Elend strotzend; Krüppel mit jammervoll verzerrten
Gliedmaassen, mit offenen Beulen, Geschwüren und Ausschlag kriechen
winselnd von Lager zu Lager, räudigen Hunden und Schweinen
die aus dem Unrath aufgewühlten Abfälle streitig machend. Im
Stadtgraben stand dicke schwarze Jauche, mephitischen Qualm ath-
mend. Nach Regengüssen unergründlicher Koth, oft fusshohes
Wasser: alle Abzugsgräben waren verstopft, und wenn die Sonne
in den Brei schien, wurde der Gestank unerträglich. Dazu ein
dichtes Gewühl schreiender Krämer und Höker; Büsser, die jäm-
merlich heulend, mit einer Schuhsohle die blosse Brust schlagen,
Lastträger und Wasserkärrner, die sich brüllend Bahn brechen, eng-
lische Soldaten, die auf Eseln im Galop durch das Gewimmel zu
jagen suchen. Man drängt sich mühsam durch und streift viel

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[23/0037] XV. Strassenleben. Spalieren, wuchsen prächtige Weiden, Sophora japonica, Rhamnus zizyphus und andere Bäume in gesunder Kraft. Als die Ebene grünte, fiel ihre Baumlosigkeit doppelt auf; der Salpeter des Bo- dens soll allen Pfahlwurzeln verderblich sein. Der Horizont gleicht ringsum der Meereslinie; nur einmal sahen wir, wahrscheinlich durch Luftspiegelung, im Westen einen Höhenzug, wo sonst die Ferne ganz eben erschien. — Eine malerische Staffage bilden die zwei- rädrigen Karren, die man allerwegen trifft: der sorgfältig gefügte Kasten trägt gewöhnlich ein gewölbtes, mit blauem Stoff bezogenes Schutzdach; in der Scheere geht ein starkes Maulthier, vor welches häufig ein zweites gespannt wird. Ein Sonnensegel schützt das Thier und den Kutscher, der mit baumelnden Beinen auf einem Schaft der Scheere sitzt. Nur eine Person findet bequem Platz, aber keinen bequemen Sitz in der Karre; denn man kauert am Bo- den und empfindet jeden Stoss des federlosen Fahrzeuges weit heftiger, als auf einer Bank. — Segelnde Schiebkarren, die von anderen Reisenden beschrieben werden, sind bei Tien-tsin selten; das etwa drei Fuss breite Segel wird durch Schnüre in der Hand des Schiebenden gelenkt. So sehr wir auf den täglichen Ausflügen von Staub und Hitze litten, so war es doch immer Gewinn, den Wohlgerüchen der Stadt zu entrinnen. Die englischen Commandeure suchten ver- gebens die Chinesen zu Reinlichkeit anzuhalten; in den engen dunkelen Gassen stagnirten die ekelsten Dünste. Auf den Müll- und Kehrichthaufen vor den Häusern wälzen sich nackte schmutzige Kinder und kranke Hausthiere; an allen Ecken kauern Bettler, von Schmutz und Elend strotzend; Krüppel mit jammervoll verzerrten Gliedmaassen, mit offenen Beulen, Geschwüren und Ausschlag kriechen winselnd von Lager zu Lager, räudigen Hunden und Schweinen die aus dem Unrath aufgewühlten Abfälle streitig machend. Im Stadtgraben stand dicke schwarze Jauche, mephitischen Qualm ath- mend. Nach Regengüssen unergründlicher Koth, oft fusshohes Wasser: alle Abzugsgräben waren verstopft, und wenn die Sonne in den Brei schien, wurde der Gestank unerträglich. Dazu ein dichtes Gewühl schreiender Krämer und Höker; Büsser, die jäm- merlich heulend, mit einer Schuhsohle die blosse Brust schlagen, Lastträger und Wasserkärrner, die sich brüllend Bahn brechen, eng- lische Soldaten, die auf Eseln im Galop durch das Gewimmel zu jagen suchen. Man drängt sich mühsam durch und streift viel

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Zitationshilfe: Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873, S. 23. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/berg_ostasien04_1873/37>, abgerufen am 17.09.2019.