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Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873.

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Umgebung von Tien-tsin. XV.
der als Zollamt für den fremden Handel eingerichtet ist. -- Nach
Süden und Südwesten hat Tien-tsin keine Vorstädte; dort blickt
die Stadtmauer auf das freie Feld.

Die äussersten Grenzen der Vorstädte bezeichnen fluss-
aufwärts und abwärts zwei verfallene Festungsthürme, vorgescho-
bene Posten aus alter Zeit. Ringsum dehnt sich die unabseh-
bare Ebene aus, im Frühjahr kahl und staubig; Bäume giebt es
wenig und fast nur an den Wasserläufen, wo jenseit der Vorstädte
Nutzgärten liegen. Im mauerumschlossenen Park eines kleinen
Lamaklosters am Kaisercanal stehen schöne Robinien und Weiden,
in deren Schatten wir zuweilen von der furchtbaren Dürre auf-
athmeten. Weiter hinaus säumen das nördliche Ufer des Canales
kleine Tempel und Sommerhäuser mit hübschen Gärten, welche
nur künstliche Berieselung frisch erhält. In geringer Entfernung
von den Rinnsalen war den Mai hindurch noch Alles kahl; die
Staubstürme liessen kein Pflänzchen wachsen.

Der Erdwall und Graben, den der Mongolenfürst San-ko-
lin-sin
1860 zum Schutz von Tien-tsin aufwerfen liess, umgiebt
die Stadt in weiter Runde; der Umkreis mag fünf deutsche
Meilen betragen. Aus lehmigem Erdreich gebaut, hier und da durch
eingerammte Pfähle befestigt, bildet der Wall ungebrochene Linien
ohne jede Flankirung; den breiten Wallgang schützt eine crenelirte
Brustwehr, die kaum europäischem Gewehrfeuer widerstehen könnte.
Die Linie in ihrer ganzen Ausdehnung zu besetzen, reichten nicht
alle kaiserlichen Heere; San-ko-lin-sin, heisst es, wollte dazu die
Volkswehr aufbieten, machte aber nach der Niederlage bei Ta-ku
nicht einmal den Versuch, sich bei Tien-tsin zu halten. Wo der
Wall unterhalb der Stadt auf den Pei-ho stösst, vertheidigten den
Zugang zwei starke Bastionen, ähnlich den Ta-ku-Forts; gleich
diesen lagen sie bei unserer Ankunft schon halb zerstört: das zum
Bau verwendete Holz diente im Winter sowohl der Garnison als
den Bewohnern zum Heizen; Niemand hinderte den Raub.

Fast den ganzen Mai durch brausten die Staubwinde. Blaue
Luft sah man nur auf halbe Stunden; gewöhnlich erschien der
Himmel gelbgrau, bei heftigem Sturme gelbroth, die Sonne bläulich
und strahlenlos. Etwa zweimal wöchentlich pflegte der Sturm so
heftig zu wüthen, dass der Tag sich verfinsterte, dass um Mittag
in den Zimmern Licht gebrannt werden musste; die Chinesen unter-
scheiden nach dem Grade der Dunkelheit weisse, gelbe, rothe und

Umgebung von Tien-tsin. XV.
der als Zollamt für den fremden Handel eingerichtet ist. — Nach
Süden und Südwesten hat Tien-tsin keine Vorstädte; dort blickt
die Stadtmauer auf das freie Feld.

Die äussersten Grenzen der Vorstädte bezeichnen fluss-
aufwärts und abwärts zwei verfallene Festungsthürme, vorgescho-
bene Posten aus alter Zeit. Ringsum dehnt sich die unabseh-
bare Ebene aus, im Frühjahr kahl und staubig; Bäume giebt es
wenig und fast nur an den Wasserläufen, wo jenseit der Vorstädte
Nutzgärten liegen. Im mauerumschlossenen Park eines kleinen
Lamaklosters am Kaisercanal stehen schöne Robinien und Weiden,
in deren Schatten wir zuweilen von der furchtbaren Dürre auf-
athmeten. Weiter hinaus säumen das nördliche Ufer des Canales
kleine Tempel und Sommerhäuser mit hübschen Gärten, welche
nur künstliche Berieselung frisch erhält. In geringer Entfernung
von den Rinnsalen war den Mai hindurch noch Alles kahl; die
Staubstürme liessen kein Pflänzchen wachsen.

Der Erdwall und Graben, den der Mongolenfürst Saṅ-ko-
lin-sin
1860 zum Schutz von Tien-tsin aufwerfen liess, umgiebt
die Stadt in weiter Runde; der Umkreis mag fünf deutsche
Meilen betragen. Aus lehmigem Erdreich gebaut, hier und da durch
eingerammte Pfähle befestigt, bildet der Wall ungebrochene Linien
ohne jede Flankirung; den breiten Wallgang schützt eine crenelirte
Brustwehr, die kaum europäischem Gewehrfeuer widerstehen könnte.
Die Linie in ihrer ganzen Ausdehnung zu besetzen, reichten nicht
alle kaiserlichen Heere; Saṅ-ko-lin-sin, heisst es, wollte dazu die
Volkswehr aufbieten, machte aber nach der Niederlage bei Ta-ku
nicht einmal den Versuch, sich bei Tien-tsin zu halten. Wo der
Wall unterhalb der Stadt auf den Pei-ho stösst, vertheidigten den
Zugang zwei starke Bastionen, ähnlich den Ta-ku-Forts; gleich
diesen lagen sie bei unserer Ankunft schon halb zerstört: das zum
Bau verwendete Holz diente im Winter sowohl der Garnison als
den Bewohnern zum Heizen; Niemand hinderte den Raub.

Fast den ganzen Mai durch brausten die Staubwinde. Blaue
Luft sah man nur auf halbe Stunden; gewöhnlich erschien der
Himmel gelbgrau, bei heftigem Sturme gelbroth, die Sonne bläulich
und strahlenlos. Etwa zweimal wöchentlich pflegte der Sturm so
heftig zu wüthen, dass der Tag sich verfinsterte, dass um Mittag
in den Zimmern Licht gebrannt werden musste; die Chinesen unter-
scheiden nach dem Grade der Dunkelheit weisse, gelbe, rothe und

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[14/0028] Umgebung von Tien-tsin. XV. der als Zollamt für den fremden Handel eingerichtet ist. — Nach Süden und Südwesten hat Tien-tsin keine Vorstädte; dort blickt die Stadtmauer auf das freie Feld. Die äussersten Grenzen der Vorstädte bezeichnen fluss- aufwärts und abwärts zwei verfallene Festungsthürme, vorgescho- bene Posten aus alter Zeit. Ringsum dehnt sich die unabseh- bare Ebene aus, im Frühjahr kahl und staubig; Bäume giebt es wenig und fast nur an den Wasserläufen, wo jenseit der Vorstädte Nutzgärten liegen. Im mauerumschlossenen Park eines kleinen Lamaklosters am Kaisercanal stehen schöne Robinien und Weiden, in deren Schatten wir zuweilen von der furchtbaren Dürre auf- athmeten. Weiter hinaus säumen das nördliche Ufer des Canales kleine Tempel und Sommerhäuser mit hübschen Gärten, welche nur künstliche Berieselung frisch erhält. In geringer Entfernung von den Rinnsalen war den Mai hindurch noch Alles kahl; die Staubstürme liessen kein Pflänzchen wachsen. Der Erdwall und Graben, den der Mongolenfürst Saṅ-ko- lin-sin 1860 zum Schutz von Tien-tsin aufwerfen liess, umgiebt die Stadt in weiter Runde; der Umkreis mag fünf deutsche Meilen betragen. Aus lehmigem Erdreich gebaut, hier und da durch eingerammte Pfähle befestigt, bildet der Wall ungebrochene Linien ohne jede Flankirung; den breiten Wallgang schützt eine crenelirte Brustwehr, die kaum europäischem Gewehrfeuer widerstehen könnte. Die Linie in ihrer ganzen Ausdehnung zu besetzen, reichten nicht alle kaiserlichen Heere; Saṅ-ko-lin-sin, heisst es, wollte dazu die Volkswehr aufbieten, machte aber nach der Niederlage bei Ta-ku nicht einmal den Versuch, sich bei Tien-tsin zu halten. Wo der Wall unterhalb der Stadt auf den Pei-ho stösst, vertheidigten den Zugang zwei starke Bastionen, ähnlich den Ta-ku-Forts; gleich diesen lagen sie bei unserer Ankunft schon halb zerstört: das zum Bau verwendete Holz diente im Winter sowohl der Garnison als den Bewohnern zum Heizen; Niemand hinderte den Raub. Fast den ganzen Mai durch brausten die Staubwinde. Blaue Luft sah man nur auf halbe Stunden; gewöhnlich erschien der Himmel gelbgrau, bei heftigem Sturme gelbroth, die Sonne bläulich und strahlenlos. Etwa zweimal wöchentlich pflegte der Sturm so heftig zu wüthen, dass der Tag sich verfinsterte, dass um Mittag in den Zimmern Licht gebrannt werden musste; die Chinesen unter- scheiden nach dem Grade der Dunkelheit weisse, gelbe, rothe und

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Zitationshilfe: Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873, S. 14. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/berg_ostasien04_1873/28>, abgerufen am 22.09.2019.