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Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873.

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Das Meer der Mitte und der Goldene Hügel. XVII.
Anlage südlich mit einer langen Gebäudefront auf den breiten
Wassergraben der Rothen Stadt, zu deren nördlichem Portal ein
Steindamm hinüberführt. Pavillons mit künstlich verschränkten
Dächern aus gelben Ziegeln stehen, einander gegenüber, auf den
südlichen Ecken des Kohlenberg-Gartens und den Nord-Ecken der
nach der Farbe ihrer Mauern benannten Rothen Stadt. Den Gipfel
des Kohlenhügels und vier Kuppen ringsum an seinen Hängen
krönen Kioske mit bunten Dächern, die voll Götzenbilder stecken.
Uns war der Besuch nicht gestattet. Kleine Häuser, von Bonzen
und Schranzen bewohnt, und Tempelchen mit grotesken Götzen
sollen im Dickicht zerstreut liegen. 23)

Die Marmorbrücke über den See Tai-tsi, das Meer der
Mitte, mündet der Nordwestecke der Rothen Stadt gegenüber unter
dem Kohlenhügel; sie bietet reizende Blicke auf die Gartenufer des
weiten Beckens. Nördlich liegt in der Ferne der Tempel Fa-kua,
der abergläubischen Tao-Secte eigen, davor auf Inselchen die 1460
gegründeten fünf Drachenhäuschen. Rechts, nordöstlich, schiebt
sich ein Hügelrücken in den See, der "Goldene Hügel", der unter
dem Namen "Frühlingsschatten der Marmor-Insel" unter die Wunder
von Pe-kin zählt. Früher scheint er rings umflossen gewesen zu
sein; eine Marmorbrücke führt über den jetzt vertrockneten Arm,
dessen Wasser ihn südlich und östlich bespülte. -- Weisse Marmor-
geländer fassen den verwilderten Garten ein, dessen Dickicht kost-
bare Steinblöcke, verfallene Lusthäuser und Tempelchen birgt. Seit
alter Zeit sollen chinesische Kaiser diese Anlage gehegt und ge-
schmückt haben, in welcher der letzte Min-Herrscher sich 1644
beim Eindringen des Rebellenheeres erhängte. Der Baum, der dem
unglücklichen Monarchen seine Zweige lieh, wurde vom ersten
Mandschu-Kaiser in schwere Ketten gelegt, die heut noch seinen
verdorrten Stamm belasten sollen. Auf der Spitze des Hügels liegt
das Lama-Kloster Pei-ta-se mit dem weithin sichtbaren Denkmal,
das die Mandschu 1651 dem Gedächtniss jener Schauerthat wid-
meten; es hat die gewöhnliche Form der Lamagräber: über massi-
gem Unterbau eine oben breitere Steintrommel, auf welcher
eine geringelte Kegelsäule mit hutartiger Endverzierung ruht. 24)
Das "Meer der Mitte", welches sein Wasser durch einige Teiche
im Norden der Tartarenstadt aus dem mit Seen in Yuan-min-

23) S. Ansichten aus Japan, China und Siam VIII.
24) S. Ansichten aus Japan, China und Siam VIII.

Das Meer der Mitte und der Goldene Hügel. XVII.
Anlage südlich mit einer langen Gebäudefront auf den breiten
Wassergraben der Rothen Stadt, zu deren nördlichem Portal ein
Steindamm hinüberführt. Pavillons mit künstlich verschränkten
Dächern aus gelben Ziegeln stehen, einander gegenüber, auf den
südlichen Ecken des Kohlenberg-Gartens und den Nord-Ecken der
nach der Farbe ihrer Mauern benannten Rothen Stadt. Den Gipfel
des Kohlenhügels und vier Kuppen ringsum an seinen Hängen
krönen Kioske mit bunten Dächern, die voll Götzenbilder stecken.
Uns war der Besuch nicht gestattet. Kleine Häuser, von Bonzen
und Schranzen bewohnt, und Tempelchen mit grotesken Götzen
sollen im Dickicht zerstreut liegen. 23)

Die Marmorbrücke über den See Tai-tši, das Meer der
Mitte, mündet der Nordwestecke der Rothen Stadt gegenüber unter
dem Kohlenhügel; sie bietet reizende Blicke auf die Gartenufer des
weiten Beckens. Nördlich liegt in der Ferne der Tempel Fa-kua,
der abergläubischen Tao-Secte eigen, davor auf Inselchen die 1460
gegründeten fünf Drachenhäuschen. Rechts, nordöstlich, schiebt
sich ein Hügelrücken in den See, der »Goldene Hügel«, der unter
dem Namen »Frühlingsschatten der Marmor-Insel« unter die Wunder
von Pe-kiṅ zählt. Früher scheint er rings umflossen gewesen zu
sein; eine Marmorbrücke führt über den jetzt vertrockneten Arm,
dessen Wasser ihn südlich und östlich bespülte. — Weisse Marmor-
geländer fassen den verwilderten Garten ein, dessen Dickicht kost-
bare Steinblöcke, verfallene Lusthäuser und Tempelchen birgt. Seit
alter Zeit sollen chinesische Kaiser diese Anlage gehegt und ge-
schmückt haben, in welcher der letzte Miṅ-Herrscher sich 1644
beim Eindringen des Rebellenheeres erhängte. Der Baum, der dem
unglücklichen Monarchen seine Zweige lieh, wurde vom ersten
Mandschu-Kaiser in schwere Ketten gelegt, die heut noch seinen
verdorrten Stamm belasten sollen. Auf der Spitze des Hügels liegt
das Lama-Kloster Pei-ta-se mit dem weithin sichtbaren Denkmal,
das die Mandschu 1651 dem Gedächtniss jener Schauerthat wid-
meten; es hat die gewöhnliche Form der Lamagräber: über massi-
gem Unterbau eine oben breitere Steintrommel, auf welcher
eine geringelte Kegelsäule mit hutartiger Endverzierung ruht. 24)
Das »Meer der Mitte«, welches sein Wasser durch einige Teiche
im Norden der Tartarenstadt aus dem mit Seen in Yuaṅ-miṅ-

23) S. Ansichten aus Japan, China und Siam VIII.
24) S. Ansichten aus Japan, China und Siam VIII.
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[124/0138] Das Meer der Mitte und der Goldene Hügel. XVII. Anlage südlich mit einer langen Gebäudefront auf den breiten Wassergraben der Rothen Stadt, zu deren nördlichem Portal ein Steindamm hinüberführt. Pavillons mit künstlich verschränkten Dächern aus gelben Ziegeln stehen, einander gegenüber, auf den südlichen Ecken des Kohlenberg-Gartens und den Nord-Ecken der nach der Farbe ihrer Mauern benannten Rothen Stadt. Den Gipfel des Kohlenhügels und vier Kuppen ringsum an seinen Hängen krönen Kioske mit bunten Dächern, die voll Götzenbilder stecken. Uns war der Besuch nicht gestattet. Kleine Häuser, von Bonzen und Schranzen bewohnt, und Tempelchen mit grotesken Götzen sollen im Dickicht zerstreut liegen. 23) Die Marmorbrücke über den See Tai-tši, das Meer der Mitte, mündet der Nordwestecke der Rothen Stadt gegenüber unter dem Kohlenhügel; sie bietet reizende Blicke auf die Gartenufer des weiten Beckens. Nördlich liegt in der Ferne der Tempel Fa-kua, der abergläubischen Tao-Secte eigen, davor auf Inselchen die 1460 gegründeten fünf Drachenhäuschen. Rechts, nordöstlich, schiebt sich ein Hügelrücken in den See, der »Goldene Hügel«, der unter dem Namen »Frühlingsschatten der Marmor-Insel« unter die Wunder von Pe-kiṅ zählt. Früher scheint er rings umflossen gewesen zu sein; eine Marmorbrücke führt über den jetzt vertrockneten Arm, dessen Wasser ihn südlich und östlich bespülte. — Weisse Marmor- geländer fassen den verwilderten Garten ein, dessen Dickicht kost- bare Steinblöcke, verfallene Lusthäuser und Tempelchen birgt. Seit alter Zeit sollen chinesische Kaiser diese Anlage gehegt und ge- schmückt haben, in welcher der letzte Miṅ-Herrscher sich 1644 beim Eindringen des Rebellenheeres erhängte. Der Baum, der dem unglücklichen Monarchen seine Zweige lieh, wurde vom ersten Mandschu-Kaiser in schwere Ketten gelegt, die heut noch seinen verdorrten Stamm belasten sollen. Auf der Spitze des Hügels liegt das Lama-Kloster Pei-ta-se mit dem weithin sichtbaren Denkmal, das die Mandschu 1651 dem Gedächtniss jener Schauerthat wid- meten; es hat die gewöhnliche Form der Lamagräber: über massi- gem Unterbau eine oben breitere Steintrommel, auf welcher eine geringelte Kegelsäule mit hutartiger Endverzierung ruht. 24) Das »Meer der Mitte«, welches sein Wasser durch einige Teiche im Norden der Tartarenstadt aus dem mit Seen in Yuaṅ-miṅ- 23) S. Ansichten aus Japan, China und Siam VIII. 24) S. Ansichten aus Japan, China und Siam VIII.

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Zitationshilfe: Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873, S. 124. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/berg_ostasien04_1873/138>, abgerufen am 14.10.2019.