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Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873.

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XVII. Kirchen. Die Sternwarte.
-- Die Mönche bekennen sich zum tibetanischen Lama-Dienst, über-
setzen mongolische und tibetanische Schriften in das Mandschurische
und Chinesische, und drucken die Uebersetzungen in ihrem Kloster,
dessen schöne Gärten ein weites Areal bedecken.

Nah dabei steht im nordöstlichen Winkel der Tartarenstadt
dicht unter der Ringmauer die russische Himmelfahrtskirche -- einst
ein chinesischer Tempel -- mit dem Missionshause an einem kleinen
See. Ein kahler Hügel in der Nähe bietet einen hübschen Blick
über diesen Stadttheil: Pe-kin gleicht von hier einem grossen Garten,
aus dessen Wipfelmeer nur die Stadtthore und die Dächer einzelner
Tempel und Paläste hervorragen. Der Anblick überrascht um so
mehr, als das Gewühl der grossen Strassen durchaus den Eindruck
einer dichtbewohnten Stadt giebt und die hinter den Häuserreihen
versteckten Gärten garnicht ahnen lässt.

Die katholische Cathedrale, eine stattliche Kirche im Jesuiten-
styl, wurde unter Kaiser Kan-gi nah dem Westthor der Südmauer
erbaut, gerieth bei den Christenverfolgungen in Verfall und wurde
erst nach dem Friedensschluss 1860 mit den übrigen Besitzungen
der katholischen Kirche wieder den Franzosen übergeben, welche
das alte portugiesische Wappen von der Facade entfernten und den
Bau restaurirten. Vor gänzlicher Zerstörung soll sie nur die Inter-
vention der russischen Missionare gerettet haben, welche der chine-
sischen Regierung gegenüber Ansprüche auf die Kirche erhoben.
Chinesisch heisst sie Nan-tan, die Südkirche, im Gegensatz zu der
Nordkirche, Pe-tan, in der Gelben Stadt.

Unter Kan-gi wurde auch die Sternwarte neu eingerichtet
und den Jesuiten übergeben, in deren Händen sie bis zu ihrer Ver-
treibung blieb; sie soll unter den Mongolenkaisern gegründet sein
und liegt im Südosten der Tartarenstadt hart unter der Ringmauer.
Viele alte chinesische Instrumente, welche denen der Jesuiten Platz
machten, werden noch heute dort aufbewahrt. -- Von der Strasse
öffnet sich die schwere wurmstichige Thür auf einen feuchten Hof
mit alten Bäumen und verwitterten Gebäuden, wo der Wächter
wohnt; hier stehen zwei Astrolabien und eine äusserst künstliche
Wasseruhr, mit dickem Rost und Grünspan bedeckt. Als Obser-
vatorium diente ein dicker viereckiger Thurm, der, an die Stadt-
mauer gelehnt, dieselbe um zwölf Fuss überragt. Oben stehen auf
drei Seiten der Plateform die astronomischen Instrumente: zwei
Himmelssysteme, ein Azimutal-Horizont, ein Sextant, ein Quadrant

XVII. Kirchen. Die Sternwarte.
— Die Mönche bekennen sich zum tibetanischen Lama-Dienst, über-
setzen mongolische und tibetanische Schriften in das Mandschurische
und Chinesische, und drucken die Uebersetzungen in ihrem Kloster,
dessen schöne Gärten ein weites Areal bedecken.

Nah dabei steht im nordöstlichen Winkel der Tartarenstadt
dicht unter der Ringmauer die russische Himmelfahrtskirche — einst
ein chinesischer Tempel — mit dem Missionshause an einem kleinen
See. Ein kahler Hügel in der Nähe bietet einen hübschen Blick
über diesen Stadttheil: Pe-kiṅ gleicht von hier einem grossen Garten,
aus dessen Wipfelmeer nur die Stadtthore und die Dächer einzelner
Tempel und Paläste hervorragen. Der Anblick überrascht um so
mehr, als das Gewühl der grossen Strassen durchaus den Eindruck
einer dichtbewohnten Stadt giebt und die hinter den Häuserreihen
versteckten Gärten garnicht ahnen lässt.

Die katholische Cathedrale, eine stattliche Kirche im Jesuiten-
styl, wurde unter Kaiser Kaṅ-gi nah dem Westthor der Südmauer
erbaut, gerieth bei den Christenverfolgungen in Verfall und wurde
erst nach dem Friedensschluss 1860 mit den übrigen Besitzungen
der katholischen Kirche wieder den Franzosen übergeben, welche
das alte portugiesische Wappen von der Façade entfernten und den
Bau restaurirten. Vor gänzlicher Zerstörung soll sie nur die Inter-
vention der russischen Missionare gerettet haben, welche der chine-
sischen Regierung gegenüber Ansprüche auf die Kirche erhoben.
Chinesisch heisst sie Nan-taṅ, die Südkirche, im Gegensatz zu der
Nordkirche, Pe-taṅ, in der Gelben Stadt.

Unter Kaṅ-gi wurde auch die Sternwarte neu eingerichtet
und den Jesuiten übergeben, in deren Händen sie bis zu ihrer Ver-
treibung blieb; sie soll unter den Mongolenkaisern gegründet sein
und liegt im Südosten der Tartarenstadt hart unter der Ringmauer.
Viele alte chinesische Instrumente, welche denen der Jesuiten Platz
machten, werden noch heute dort aufbewahrt. — Von der Strasse
öffnet sich die schwere wurmstichige Thür auf einen feuchten Hof
mit alten Bäumen und verwitterten Gebäuden, wo der Wächter
wohnt; hier stehen zwei Astrolabien und eine äusserst künstliche
Wasseruhr, mit dickem Rost und Grünspan bedeckt. Als Obser-
vatorium diente ein dicker viereckiger Thurm, der, an die Stadt-
mauer gelehnt, dieselbe um zwölf Fuss überragt. Oben stehen auf
drei Seiten der Plateform die astronomischen Instrumente: zwei
Himmelssysteme, ein Azimutal-Horizont, ein Sextant, ein Quadrant

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[121/0135] XVII. Kirchen. Die Sternwarte. — Die Mönche bekennen sich zum tibetanischen Lama-Dienst, über- setzen mongolische und tibetanische Schriften in das Mandschurische und Chinesische, und drucken die Uebersetzungen in ihrem Kloster, dessen schöne Gärten ein weites Areal bedecken. Nah dabei steht im nordöstlichen Winkel der Tartarenstadt dicht unter der Ringmauer die russische Himmelfahrtskirche — einst ein chinesischer Tempel — mit dem Missionshause an einem kleinen See. Ein kahler Hügel in der Nähe bietet einen hübschen Blick über diesen Stadttheil: Pe-kiṅ gleicht von hier einem grossen Garten, aus dessen Wipfelmeer nur die Stadtthore und die Dächer einzelner Tempel und Paläste hervorragen. Der Anblick überrascht um so mehr, als das Gewühl der grossen Strassen durchaus den Eindruck einer dichtbewohnten Stadt giebt und die hinter den Häuserreihen versteckten Gärten garnicht ahnen lässt. Die katholische Cathedrale, eine stattliche Kirche im Jesuiten- styl, wurde unter Kaiser Kaṅ-gi nah dem Westthor der Südmauer erbaut, gerieth bei den Christenverfolgungen in Verfall und wurde erst nach dem Friedensschluss 1860 mit den übrigen Besitzungen der katholischen Kirche wieder den Franzosen übergeben, welche das alte portugiesische Wappen von der Façade entfernten und den Bau restaurirten. Vor gänzlicher Zerstörung soll sie nur die Inter- vention der russischen Missionare gerettet haben, welche der chine- sischen Regierung gegenüber Ansprüche auf die Kirche erhoben. Chinesisch heisst sie Nan-taṅ, die Südkirche, im Gegensatz zu der Nordkirche, Pe-taṅ, in der Gelben Stadt. Unter Kaṅ-gi wurde auch die Sternwarte neu eingerichtet und den Jesuiten übergeben, in deren Händen sie bis zu ihrer Ver- treibung blieb; sie soll unter den Mongolenkaisern gegründet sein und liegt im Südosten der Tartarenstadt hart unter der Ringmauer. Viele alte chinesische Instrumente, welche denen der Jesuiten Platz machten, werden noch heute dort aufbewahrt. — Von der Strasse öffnet sich die schwere wurmstichige Thür auf einen feuchten Hof mit alten Bäumen und verwitterten Gebäuden, wo der Wächter wohnt; hier stehen zwei Astrolabien und eine äusserst künstliche Wasseruhr, mit dickem Rost und Grünspan bedeckt. Als Obser- vatorium diente ein dicker viereckiger Thurm, der, an die Stadt- mauer gelehnt, dieselbe um zwölf Fuss überragt. Oben stehen auf drei Seiten der Plateform die astronomischen Instrumente: zwei Himmelssysteme, ein Azimutal-Horizont, ein Sextant, ein Quadrant

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Zitationshilfe: Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873, S. 121. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/berg_ostasien04_1873/135>, abgerufen am 17.10.2019.