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Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873.

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XVII. Strassenarchitectur.
befestigt, oder schief in der Mitte der Füllungen zwischen den
Säulen, mit goldener Schrift auf blauem oder Scharlachgrund. Die
ganze Facade lehnt sich als freistehendes Gerüst an die versteckte
Dachkante; rückwärts hinter den Säulen stehen die hölzernen
Pfeiler des Hauses, oben mit geschnitzten Friesen verbunden, die
schreinartig unter den vorderen Füllungen hervorsehen. Die Pfeiler
sowohl als der untere Theil der Säulen sind mit reichen Mustern
in grünem, rothem, gelbem Gold auf dunkelem Grunde bemalt.
Vorhänge von schwerem indigo-blauem oder braunrothem Baum-
wollenstoff mit grossen weissen Schriftzeichen verdecken den Ein-
gang. -- Die vergoldete Schnitzarbeit der Füllungen, meist Blätter-
werk mit eingeflochtenen Thiergestalten, zeigt die reichste Erfin-
dung, grosse Schönheit der Zeichnung und vollendete Meisterschaft
der Arbeit. In den Friesen finden sich reizende Linearmotive; die
Drachenköpfe und andere Embleme sind breit und markig ge-
schnitten. Der ausgeprägte Typus des Ganzen ist auch im Ein-
zelnen durchgebildet; es wirkt trotz aller bunten Linien und Farben
durchaus harmonisch. 20)

Die säulenlosen Facaden haben ebenfalls reich verzierte Fül-
lungen, Friese und Dachgesimse; letztere tragen gewöhnlich ein
buntes geschnitztes Geländer. Aus vielen Läden ragen lange Stangen
mit vergoldetem Knauf, an welchem Laternen, Fahnen und andere
Embleme hängen, in schräger Lage über die Strasse. -- An den
Kreuzungen stehen prächtige Portale mit fünffachem Thor, Ehren-
pforten gleichend. Viele der älteren Bauten sind aus dem Winkel
gewichen, ihre Farben und Vergoldung verstaubt und verwittert,
das Schnitzwerk zerbrochen; im Ganzen aber zeigen die von Kauf-
leuten bewohnten Viertel bessere Erhaltung, Pflege und Reinlichkeit
als alle öffentlichen Gebäude. Die phantastische Willkür, mit welcher
die einfachen Elemente dieser Architectur in endloser Abwechselung
behandelt sind, verleiht den Strassen von Pe-kin grossen Reiz: es
giebt dort Perspectiven von der reichsten malerischen Wirkung. --
Auch in der Tartarenstadt läuft häufig ein budengesäumter Damm
in der Mitte der Strasse hin; die mächtigen Steinplatten der Pflaste-
rung sind theils fusstief ausgefahren, theils nur in geringen Resten
vorhanden; bei trockenem Wetter watet man in tiefem Sande, der
Staub ist erstickend.

20) S. Ansichten aus Japan, China und Siam VIII.

XVII. Strassenarchitectur.
befestigt, oder schief in der Mitte der Füllungen zwischen den
Säulen, mit goldener Schrift auf blauem oder Scharlachgrund. Die
ganze Façade lehnt sich als freistehendes Gerüst an die versteckte
Dachkante; rückwärts hinter den Säulen stehen die hölzernen
Pfeiler des Hauses, oben mit geschnitzten Friesen verbunden, die
schreinartig unter den vorderen Füllungen hervorsehen. Die Pfeiler
sowohl als der untere Theil der Säulen sind mit reichen Mustern
in grünem, rothem, gelbem Gold auf dunkelem Grunde bemalt.
Vorhänge von schwerem indigo-blauem oder braunrothem Baum-
wollenstoff mit grossen weissen Schriftzeichen verdecken den Ein-
gang. — Die vergoldete Schnitzarbeit der Füllungen, meist Blätter-
werk mit eingeflochtenen Thiergestalten, zeigt die reichste Erfin-
dung, grosse Schönheit der Zeichnung und vollendete Meisterschaft
der Arbeit. In den Friesen finden sich reizende Linearmotive; die
Drachenköpfe und andere Embleme sind breit und markig ge-
schnitten. Der ausgeprägte Typus des Ganzen ist auch im Ein-
zelnen durchgebildet; es wirkt trotz aller bunten Linien und Farben
durchaus harmonisch. 20)

Die säulenlosen Façaden haben ebenfalls reich verzierte Fül-
lungen, Friese und Dachgesimse; letztere tragen gewöhnlich ein
buntes geschnitztes Geländer. Aus vielen Läden ragen lange Stangen
mit vergoldetem Knauf, an welchem Laternen, Fahnen und andere
Embleme hängen, in schräger Lage über die Strasse. — An den
Kreuzungen stehen prächtige Portale mit fünffachem Thor, Ehren-
pforten gleichend. Viele der älteren Bauten sind aus dem Winkel
gewichen, ihre Farben und Vergoldung verstaubt und verwittert,
das Schnitzwerk zerbrochen; im Ganzen aber zeigen die von Kauf-
leuten bewohnten Viertel bessere Erhaltung, Pflege und Reinlichkeit
als alle öffentlichen Gebäude. Die phantastische Willkür, mit welcher
die einfachen Elemente dieser Architectur in endloser Abwechselung
behandelt sind, verleiht den Strassen von Pe-kiṅ grossen Reiz: es
giebt dort Perspectiven von der reichsten malerischen Wirkung. —
Auch in der Tartarenstadt läuft häufig ein budengesäumter Damm
in der Mitte der Strasse hin; die mächtigen Steinplatten der Pflaste-
rung sind theils fusstief ausgefahren, theils nur in geringen Resten
vorhanden; bei trockenem Wetter watet man in tiefem Sande, der
Staub ist erstickend.

20) S. Ansichten aus Japan, China und Siam VIII.
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[119/0133] XVII. Strassenarchitectur. befestigt, oder schief in der Mitte der Füllungen zwischen den Säulen, mit goldener Schrift auf blauem oder Scharlachgrund. Die ganze Façade lehnt sich als freistehendes Gerüst an die versteckte Dachkante; rückwärts hinter den Säulen stehen die hölzernen Pfeiler des Hauses, oben mit geschnitzten Friesen verbunden, die schreinartig unter den vorderen Füllungen hervorsehen. Die Pfeiler sowohl als der untere Theil der Säulen sind mit reichen Mustern in grünem, rothem, gelbem Gold auf dunkelem Grunde bemalt. Vorhänge von schwerem indigo-blauem oder braunrothem Baum- wollenstoff mit grossen weissen Schriftzeichen verdecken den Ein- gang. — Die vergoldete Schnitzarbeit der Füllungen, meist Blätter- werk mit eingeflochtenen Thiergestalten, zeigt die reichste Erfin- dung, grosse Schönheit der Zeichnung und vollendete Meisterschaft der Arbeit. In den Friesen finden sich reizende Linearmotive; die Drachenköpfe und andere Embleme sind breit und markig ge- schnitten. Der ausgeprägte Typus des Ganzen ist auch im Ein- zelnen durchgebildet; es wirkt trotz aller bunten Linien und Farben durchaus harmonisch. 20) Die säulenlosen Façaden haben ebenfalls reich verzierte Fül- lungen, Friese und Dachgesimse; letztere tragen gewöhnlich ein buntes geschnitztes Geländer. Aus vielen Läden ragen lange Stangen mit vergoldetem Knauf, an welchem Laternen, Fahnen und andere Embleme hängen, in schräger Lage über die Strasse. — An den Kreuzungen stehen prächtige Portale mit fünffachem Thor, Ehren- pforten gleichend. Viele der älteren Bauten sind aus dem Winkel gewichen, ihre Farben und Vergoldung verstaubt und verwittert, das Schnitzwerk zerbrochen; im Ganzen aber zeigen die von Kauf- leuten bewohnten Viertel bessere Erhaltung, Pflege und Reinlichkeit als alle öffentlichen Gebäude. Die phantastische Willkür, mit welcher die einfachen Elemente dieser Architectur in endloser Abwechselung behandelt sind, verleiht den Strassen von Pe-kiṅ grossen Reiz: es giebt dort Perspectiven von der reichsten malerischen Wirkung. — Auch in der Tartarenstadt läuft häufig ein budengesäumter Damm in der Mitte der Strasse hin; die mächtigen Steinplatten der Pflaste- rung sind theils fusstief ausgefahren, theils nur in geringen Resten vorhanden; bei trockenem Wetter watet man in tiefem Sande, der Staub ist erstickend. 20) S. Ansichten aus Japan, China und Siam VIII.

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Zitationshilfe: Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873, S. 119. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/berg_ostasien04_1873/133>, abgerufen am 23.10.2019.