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Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873.

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XVII. Märkte.
Die grausame oft in Schadenfreude ausartende Indifferenz des Chi-
nesen gehört zu seinen hässlichsten Zügen. Gewohnheit mag ihr
Mitgefühl abstumpfen, denn Todesstrafen werden beständig auf
den belebtesten Plätzen, oft in grosser Anzahl vollzogen. Aber
beide Thatsachen, das brutale Hinschlachten wie die Gleichgültig-
keit der Zuschauer bekunden doch die Rohheit der chinesischen
Cultur. -- Mitglieder der französischen Gesandtschaft kamen eines
Morgens spazierenreitend auf einen Marktplatz der Chinesenstadt
und gewahrten, an hohem Gerüst in Käfigen aufgehängt, über funf-
zig blutige Häupter von Verbrechern, die den Tag zuvor dort hin-
gerichtet waren. Einige Tage später war die Luft ringsum ver-
pestet; viele Käfige hatte der Wind zerbrochen, manche Köpfe hin-
gen an den Zöpfen herunter, andere lagen am Boden: -- trotzdem
nahm der Markt seinen ruhigen Fortgang; man feilschte, schalt und
lachte; die grässliche Nähe schien Niemand zu stören.

Auf diesen Märkten, die gewöhnlich an der Kreuzung zweier
Hauptstrassen abgehalten werden, lässt sich die Landbevölkerung
der Umgebung beobachten, stämmige Gestalten mit breitrandigem
Strohhut, deren gebräunte Haut angenehm gegen die fahlen Stadt-
gesichter absticht. Bauern und Bäuerinnen sitzen, ihr Pfeifchen
rauchend, auf Holzschemeln oder Matten, vor sich mannshohe
Haufen von Kohlköpfen, Zwiebeln und anderen Gemüsen, auch
allerlei Fleisch und Wildpret. Alte steife Maulthiere und struppige
Esel, welche die Waaren zu Markte schleppten, treiben sich unge-
fesselt dazwischen herum und suchen ein Maul voll Grünes zu
stehlen.

Der rege Verkehr beschränkt sich in Pe-kin ganz auf die
Hauptstrassen. Die Chinesenstadt hat deren nur drei von Süden
nach Norden laufende und eine dieselben kreuzende, welche das
östliche Thor mit dem westlichen verbindet. Besonders in der
mittelsten auf das Himmelsthor mündenden Strasse drängt sich früh
und spät eine bunte emsige Menge; das ameisengleiche Treiben macht
durchaus den Eindruck grossstädtischen commerciellen Lebens. In
der That soll der Grosshandel von Pe-kin seinen Sitz vorzüglich
in der Chinesenstadt haben, wenn auch deren Kaufläden hinter
vielen der Tartarenstadt an Eleganz weit zurückstehen. Die meisten
Häuser jener dreifachen Strasse sind dunkel, schmutzig und ver-
fallen, der Reichthum liegt hier nicht zu Tage; nur an ihrem nördlichen
Ende sieht man Facaden mit hohen Säulen und goldenem Schnitzwerk.

IV. 8

XVII. Märkte.
Die grausame oft in Schadenfreude ausartende Indifferenz des Chi-
nesen gehört zu seinen hässlichsten Zügen. Gewohnheit mag ihr
Mitgefühl abstumpfen, denn Todesstrafen werden beständig auf
den belebtesten Plätzen, oft in grosser Anzahl vollzogen. Aber
beide Thatsachen, das brutale Hinschlachten wie die Gleichgültig-
keit der Zuschauer bekunden doch die Rohheit der chinesischen
Cultur. — Mitglieder der französischen Gesandtschaft kamen eines
Morgens spazierenreitend auf einen Marktplatz der Chinesenstadt
und gewahrten, an hohem Gerüst in Käfigen aufgehängt, über funf-
zig blutige Häupter von Verbrechern, die den Tag zuvor dort hin-
gerichtet waren. Einige Tage später war die Luft ringsum ver-
pestet; viele Käfige hatte der Wind zerbrochen, manche Köpfe hin-
gen an den Zöpfen herunter, andere lagen am Boden: — trotzdem
nahm der Markt seinen ruhigen Fortgang; man feilschte, schalt und
lachte; die grässliche Nähe schien Niemand zu stören.

Auf diesen Märkten, die gewöhnlich an der Kreuzung zweier
Hauptstrassen abgehalten werden, lässt sich die Landbevölkerung
der Umgebung beobachten, stämmige Gestalten mit breitrandigem
Strohhut, deren gebräunte Haut angenehm gegen die fahlen Stadt-
gesichter absticht. Bauern und Bäuerinnen sitzen, ihr Pfeifchen
rauchend, auf Holzschemeln oder Matten, vor sich mannshohe
Haufen von Kohlköpfen, Zwiebeln und anderen Gemüsen, auch
allerlei Fleisch und Wildpret. Alte steife Maulthiere und struppige
Esel, welche die Waaren zu Markte schleppten, treiben sich unge-
fesselt dazwischen herum und suchen ein Maul voll Grünes zu
stehlen.

Der rege Verkehr beschränkt sich in Pe-kiṅ ganz auf die
Hauptstrassen. Die Chinesenstadt hat deren nur drei von Süden
nach Norden laufende und eine dieselben kreuzende, welche das
östliche Thor mit dem westlichen verbindet. Besonders in der
mittelsten auf das Himmelsthor mündenden Strasse drängt sich früh
und spät eine bunte emsige Menge; das ameisengleiche Treiben macht
durchaus den Eindruck grossstädtischen commerciellen Lebens. In
der That soll der Grosshandel von Pe-kiṅ seinen Sitz vorzüglich
in der Chinesenstadt haben, wenn auch deren Kaufläden hinter
vielen der Tartarenstadt an Eleganz weit zurückstehen. Die meisten
Häuser jener dreifachen Strasse sind dunkel, schmutzig und ver-
fallen, der Reichthum liegt hier nicht zu Tage; nur an ihrem nördlichen
Ende sieht man Façaden mit hohen Säulen und goldenem Schnitzwerk.

IV. 8
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[113/0127] XVII. Märkte. Die grausame oft in Schadenfreude ausartende Indifferenz des Chi- nesen gehört zu seinen hässlichsten Zügen. Gewohnheit mag ihr Mitgefühl abstumpfen, denn Todesstrafen werden beständig auf den belebtesten Plätzen, oft in grosser Anzahl vollzogen. Aber beide Thatsachen, das brutale Hinschlachten wie die Gleichgültig- keit der Zuschauer bekunden doch die Rohheit der chinesischen Cultur. — Mitglieder der französischen Gesandtschaft kamen eines Morgens spazierenreitend auf einen Marktplatz der Chinesenstadt und gewahrten, an hohem Gerüst in Käfigen aufgehängt, über funf- zig blutige Häupter von Verbrechern, die den Tag zuvor dort hin- gerichtet waren. Einige Tage später war die Luft ringsum ver- pestet; viele Käfige hatte der Wind zerbrochen, manche Köpfe hin- gen an den Zöpfen herunter, andere lagen am Boden: — trotzdem nahm der Markt seinen ruhigen Fortgang; man feilschte, schalt und lachte; die grässliche Nähe schien Niemand zu stören. Auf diesen Märkten, die gewöhnlich an der Kreuzung zweier Hauptstrassen abgehalten werden, lässt sich die Landbevölkerung der Umgebung beobachten, stämmige Gestalten mit breitrandigem Strohhut, deren gebräunte Haut angenehm gegen die fahlen Stadt- gesichter absticht. Bauern und Bäuerinnen sitzen, ihr Pfeifchen rauchend, auf Holzschemeln oder Matten, vor sich mannshohe Haufen von Kohlköpfen, Zwiebeln und anderen Gemüsen, auch allerlei Fleisch und Wildpret. Alte steife Maulthiere und struppige Esel, welche die Waaren zu Markte schleppten, treiben sich unge- fesselt dazwischen herum und suchen ein Maul voll Grünes zu stehlen. Der rege Verkehr beschränkt sich in Pe-kiṅ ganz auf die Hauptstrassen. Die Chinesenstadt hat deren nur drei von Süden nach Norden laufende und eine dieselben kreuzende, welche das östliche Thor mit dem westlichen verbindet. Besonders in der mittelsten auf das Himmelsthor mündenden Strasse drängt sich früh und spät eine bunte emsige Menge; das ameisengleiche Treiben macht durchaus den Eindruck grossstädtischen commerciellen Lebens. In der That soll der Grosshandel von Pe-kiṅ seinen Sitz vorzüglich in der Chinesenstadt haben, wenn auch deren Kaufläden hinter vielen der Tartarenstadt an Eleganz weit zurückstehen. Die meisten Häuser jener dreifachen Strasse sind dunkel, schmutzig und ver- fallen, der Reichthum liegt hier nicht zu Tage; nur an ihrem nördlichen Ende sieht man Façaden mit hohen Säulen und goldenem Schnitzwerk. IV. 8

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Zitationshilfe: Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873, S. 113. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/berg_ostasien04_1873/127>, abgerufen am 18.10.2019.