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Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873.

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XVI. Reise nach Pe-kin beschlossen.
beschäftigt, sprach sehr freimüthig über die verschiedene Art der
Steuererhebung, und gab der hergebrachten inländischen weitaus
den Vorzug. Die chinesischen Zollämter für den inländischen
Handel haben nämlich keine Tarife; die Einkünfte sind verpachtet,
und der Beamte erpresst vom Kaufmann, so viel er irgend kann.
Die Zölle für den ausländischen Handel normirt dagegen ein fester,
den Verträgen angehängter Tarif. Das gefiel dem jungen Manne
nicht: "In english customhouse me get wages, me no can squeeze;
Consul lite Mr. Bluce, Mr. Bluce tell Plince Kung, Plince Kung
my cut off button. No cut off head, but cut off button" -- nämlich
den Mandarinenknopf, das Zeichen der Würde. "Chinese custom-
house no get wages; pay empelol, squeeze melchant." Er erzählte
begeistert, dass Tsun-luen als Zollpächter in Tien-tsin jährlich
nur 100,000 Tael bezahlt, aber 320,000 Tael eingenommen habe;
könne der Beamte nicht zahlen, so werde er eingesteckt und sein
Eigenthum confiscirt.

Gern wäre der Gesandte gleich nach Abschluss des Ver-
trages nach dem Süden von China und weiter nach Siam gegangen;
September ist aber einer der gefährlichsten Monate in den chine-
sischen Meeren, wie uns der Verlust des Frauenlob lehrte; auch
ist das Klima von Hong-kong und Bankok selbst im October
noch so verderblich, dass für die Schiffsmannschaft übele Folgen
zu befürchten waren. Graf Eulenburg beschloss deshalb auf die
Einladungen des russischen und des französischen Gesandten, zu-
nächst Pe-kin zu besuchen. Tsun-luen und Tsun-hau waren
darüber sehr bestürzt, strebten aus allen Kräften die Reise zu hin-
tertreiben, und beschworen endlich den Gesandten seinen Besuch
so einzurichten, dass er keinen amtlichen Charakter trüge. -- Nach
chinesischer Etiquette musste Tsun-luen bis zu des Grafen defini-
tiver Abreise in Tien-tsin bleiben; auf dessen lebhafte Vorstellungen
entschloss er sich aber schon in den nächsten Tagen nach Pe-kin
zurückzukehren und dem Prinzen von Kun ein Schreiben zu über-
reichen, in welchem der Gesandte seine Genugthuung über das
vollendete Vertragswerk, seinen Dank für das gezeigte Entgegen-
kommen aussprach, und erklärte, dass Tsun-luen, -- der solcher
Entschuldigung zu bedürfen glaubte, -- nur auf seine dringende
Bitte Tien-tsin vor ihm verliesse. Seinen Besuch in Pe-kin kün-
digte Graf Eulenburg zugleich in kurzen Worten an, und äusserte

IV. 7

XVI. Reise nach Pe-kiṅ beschlossen.
beschäftigt, sprach sehr freimüthig über die verschiedene Art der
Steuererhebung, und gab der hergebrachten inländischen weitaus
den Vorzug. Die chinesischen Zollämter für den inländischen
Handel haben nämlich keine Tarife; die Einkünfte sind verpachtet,
und der Beamte erpresst vom Kaufmann, so viel er irgend kann.
Die Zölle für den ausländischen Handel normirt dagegen ein fester,
den Verträgen angehängter Tarif. Das gefiel dem jungen Manne
nicht: »In english customhouse me get wages, me no can squeeze;
Consul lite Mr. Bluce, Mr. Bluce tell Plince Kung, Plince Kung
my cut off button. No cut off head, but cut off button« — nämlich
den Mandarinenknopf, das Zeichen der Würde. »Chinese custom-
house no get wages; pay empelol, squeeze melchant.« Er erzählte
begeistert, dass Tsuṅ-luen als Zollpächter in Tien-tsin jährlich
nur 100,000 Tael bezahlt, aber 320,000 Tael eingenommen habe;
könne der Beamte nicht zahlen, so werde er eingesteckt und sein
Eigenthum confiscirt.

Gern wäre der Gesandte gleich nach Abschluss des Ver-
trages nach dem Süden von China und weiter nach Siam gegangen;
September ist aber einer der gefährlichsten Monate in den chine-
sischen Meeren, wie uns der Verlust des Frauenlob lehrte; auch
ist das Klima von Hong-kong und Bankok selbst im October
noch so verderblich, dass für die Schiffsmannschaft übele Folgen
zu befürchten waren. Graf Eulenburg beschloss deshalb auf die
Einladungen des russischen und des französischen Gesandten, zu-
nächst Pe-kiṅ zu besuchen. Tsuṅ-luen und Tsuṅ-hau waren
darüber sehr bestürzt, strebten aus allen Kräften die Reise zu hin-
tertreiben, und beschworen endlich den Gesandten seinen Besuch
so einzurichten, dass er keinen amtlichen Charakter trüge. — Nach
chinesischer Etiquette musste Tsuṅ-luen bis zu des Grafen defini-
tiver Abreise in Tien-tsin bleiben; auf dessen lebhafte Vorstellungen
entschloss er sich aber schon in den nächsten Tagen nach Pe-kiṅ
zurückzukehren und dem Prinzen von Kuṅ ein Schreiben zu über-
reichen, in welchem der Gesandte seine Genugthuung über das
vollendete Vertragswerk, seinen Dank für das gezeigte Entgegen-
kommen aussprach, und erklärte, dass Tsuṅ-luen, — der solcher
Entschuldigung zu bedürfen glaubte, — nur auf seine dringende
Bitte Tien-tsin vor ihm verliesse. Seinen Besuch in Pe-kiṅ kün-
digte Graf Eulenburg zugleich in kurzen Worten an, und äusserte

IV. 7
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[97/0111] XVI. Reise nach Pe-kiṅ beschlossen. beschäftigt, sprach sehr freimüthig über die verschiedene Art der Steuererhebung, und gab der hergebrachten inländischen weitaus den Vorzug. Die chinesischen Zollämter für den inländischen Handel haben nämlich keine Tarife; die Einkünfte sind verpachtet, und der Beamte erpresst vom Kaufmann, so viel er irgend kann. Die Zölle für den ausländischen Handel normirt dagegen ein fester, den Verträgen angehängter Tarif. Das gefiel dem jungen Manne nicht: »In english customhouse me get wages, me no can squeeze; Consul lite Mr. Bluce, Mr. Bluce tell Plince Kung, Plince Kung my cut off button. No cut off head, but cut off button« — nämlich den Mandarinenknopf, das Zeichen der Würde. »Chinese custom- house no get wages; pay empelol, squeeze melchant.« Er erzählte begeistert, dass Tsuṅ-luen als Zollpächter in Tien-tsin jährlich nur 100,000 Tael bezahlt, aber 320,000 Tael eingenommen habe; könne der Beamte nicht zahlen, so werde er eingesteckt und sein Eigenthum confiscirt. Gern wäre der Gesandte gleich nach Abschluss des Ver- trages nach dem Süden von China und weiter nach Siam gegangen; September ist aber einer der gefährlichsten Monate in den chine- sischen Meeren, wie uns der Verlust des Frauenlob lehrte; auch ist das Klima von Hong-kong und Bankok selbst im October noch so verderblich, dass für die Schiffsmannschaft übele Folgen zu befürchten waren. Graf Eulenburg beschloss deshalb auf die Einladungen des russischen und des französischen Gesandten, zu- nächst Pe-kiṅ zu besuchen. Tsuṅ-luen und Tsuṅ-hau waren darüber sehr bestürzt, strebten aus allen Kräften die Reise zu hin- tertreiben, und beschworen endlich den Gesandten seinen Besuch so einzurichten, dass er keinen amtlichen Charakter trüge. — Nach chinesischer Etiquette musste Tsuṅ-luen bis zu des Grafen defini- tiver Abreise in Tien-tsin bleiben; auf dessen lebhafte Vorstellungen entschloss er sich aber schon in den nächsten Tagen nach Pe-kiṅ zurückzukehren und dem Prinzen von Kuṅ ein Schreiben zu über- reichen, in welchem der Gesandte seine Genugthuung über das vollendete Vertragswerk, seinen Dank für das gezeigte Entgegen- kommen aussprach, und erklärte, dass Tsuṅ-luen, — der solcher Entschuldigung zu bedürfen glaubte, — nur auf seine dringende Bitte Tien-tsin vor ihm verliesse. Seinen Besuch in Pe-kiṅ kün- digte Graf Eulenburg zugleich in kurzen Worten an, und äusserte IV. 7

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Zitationshilfe: Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873, S. 97. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/berg_ostasien04_1873/111>, abgerufen am 15.10.2019.