Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Berg, Albert]: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Bd. 3. Berlin, 1873.

Bild:
<< vorherige Seite

Vortheile des fremden Handels für China.
die festere Gestaltung des Verkehrs sich vollzog, fehlen die
Nachrichten; von rühmlichen Thaten mag sie kaum begleitet ge-
wesen sein. Die Portugiesen erwirkten wohl alle Zugeständnisse
der Mandarinen durch Schmeichelei und Bestechung; denn einer
Machtentfaltung, welche ihren Forderungen hätte Nachdruck geben
können, waren sie nicht fähig. Die Chinesen mögen unterscheiden
gelernt haben zwischen friedfertigen Kaufleuten und gesetzlosen
Abenteurern, wenn auch der Schatten, welchen das Auftreten der
letzteren auf die ganze Nation und alle Europäer warf, sich so bald
nicht verwischte. Die grösste Wirkung muss auf die Landes-
bewohner der reiche Vortheil geübt haben, welchen sie selbst aus
dem fremden Handel zogen. Ein beredtes Zeugniss bietet dafür
die an den Kaiser gerichtete Petition eines Kantonesen, welche, von
Davis ohne Datum abgedruckt, nach Inhalt und Zusammenhang in
die letzte Zeit der Min-Dynastie gehört. Der fremde Handel war,
wie nach ernsten Conflicten häufig geschah, verboten worden. Der
Bittsteller macht nun geltend, dass ein grosser Theil der öffent-
lichen Ausgaben durch die von den ausländischen Kaufleuten er-
hobenen Steuern aufgebracht werde; dass, wenn keine fremden
Schiffe kämen, sowohl öffentliche als Privat-Interessen darunter
litten. Er bittet deshalb, dass den Franken der Handel wieder
gestattet werde und zählt die daraus entspringenden Vortheile auf:
den regelmässigen Tribut der fremden Völker und die von den
Kaufleuten zu Bestreitung der localen Ausgaben erhobenen Zölle;
den zum Unterhalt der Garnison erforderlichen Zuschuss, der nur
durch Steuern auf den fremden Handel aufgebracht werden könne;
den Gewinn der einheimischen Kaufleute, dessen Wohlthaten die
ganze Bevölkerung fühle u. s. w. -- Dieses Gesuch und einige
andere Documente -- statistische Aufstellungen chinesischer Beam-
ten über den fremden Handel -- beweisen deutlich, dass man die
dem Lande daraus entspringenden Vortheile wohl zu schätzen
wusste, wenn auch den Ausländern gegenüber stets vorgegeben
wurde, man dulde sie nur aus Gnade und trotz dem aus ihrer An-
wesenheit dem Lande erwachsenden Schaden.

Vielfach mögen freilich die Nachtheile des Fremdenverkehrs
dessen Vortheile überwogen haben; das beweist u. a. die Vertrei-
bung der Portugiesen aus Nin-po im Jahre 1545. Dem friedfertigen
Theile der Ansiedler mussten die wilden Freibeuter, die in zahl-
reichen Horden die Küsten beunruhigten und frech das Innere des

Vortheile des fremden Handels für China.
die festere Gestaltung des Verkehrs sich vollzog, fehlen die
Nachrichten; von rühmlichen Thaten mag sie kaum begleitet ge-
wesen sein. Die Portugiesen erwirkten wohl alle Zugeständnisse
der Mandarinen durch Schmeichelei und Bestechung; denn einer
Machtentfaltung, welche ihren Forderungen hätte Nachdruck geben
können, waren sie nicht fähig. Die Chinesen mögen unterscheiden
gelernt haben zwischen friedfertigen Kaufleuten und gesetzlosen
Abenteurern, wenn auch der Schatten, welchen das Auftreten der
letzteren auf die ganze Nation und alle Europäer warf, sich so bald
nicht verwischte. Die grösste Wirkung muss auf die Landes-
bewohner der reiche Vortheil geübt haben, welchen sie selbst aus
dem fremden Handel zogen. Ein beredtes Zeugniss bietet dafür
die an den Kaiser gerichtete Petition eines Kantonesen, welche, von
Davis ohne Datum abgedruckt, nach Inhalt und Zusammenhang in
die letzte Zeit der Miṅ-Dynastie gehört. Der fremde Handel war,
wie nach ernsten Conflicten häufig geschah, verboten worden. Der
Bittsteller macht nun geltend, dass ein grosser Theil der öffent-
lichen Ausgaben durch die von den ausländischen Kaufleuten er-
hobenen Steuern aufgebracht werde; dass, wenn keine fremden
Schiffe kämen, sowohl öffentliche als Privat-Interessen darunter
litten. Er bittet deshalb, dass den Franken der Handel wieder
gestattet werde und zählt die daraus entspringenden Vortheile auf:
den regelmässigen Tribut der fremden Völker und die von den
Kaufleuten zu Bestreitung der localen Ausgaben erhobenen Zölle;
den zum Unterhalt der Garnison erforderlichen Zuschuss, der nur
durch Steuern auf den fremden Handel aufgebracht werden könne;
den Gewinn der einheimischen Kaufleute, dessen Wohlthaten die
ganze Bevölkerung fühle u. s. w. — Dieses Gesuch und einige
andere Documente — statistische Aufstellungen chinesischer Beam-
ten über den fremden Handel — beweisen deutlich, dass man die
dem Lande daraus entspringenden Vortheile wohl zu schätzen
wusste, wenn auch den Ausländern gegenüber stets vorgegeben
wurde, man dulde sie nur aus Gnade und trotz dem aus ihrer An-
wesenheit dem Lande erwachsenden Schaden.

Vielfach mögen freilich die Nachtheile des Fremdenverkehrs
dessen Vortheile überwogen haben; das beweist u. a. die Vertrei-
bung der Portugiesen aus Niṅ-po im Jahre 1545. Dem friedfertigen
Theile der Ansiedler mussten die wilden Freibeuter, die in zahl-
reichen Horden die Küsten beunruhigten und frech das Innere des

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0031" n="9"/><fw place="top" type="header">Vortheile des fremden Handels für <placeName>China</placeName>.</fw><lb/>
die festere Gestaltung des Verkehrs sich vollzog, fehlen die<lb/>
Nachrichten; von rühmlichen Thaten mag sie kaum begleitet ge-<lb/>
wesen sein. Die Portugiesen erwirkten wohl alle Zugeständnisse<lb/>
der Mandarinen durch Schmeichelei und Bestechung; denn einer<lb/>
Machtentfaltung, welche ihren Forderungen hätte Nachdruck geben<lb/>
können, waren sie nicht fähig. Die Chinesen mögen unterscheiden<lb/>
gelernt haben zwischen friedfertigen Kaufleuten und gesetzlosen<lb/>
Abenteurern, wenn auch der Schatten, welchen das Auftreten der<lb/>
letzteren auf die ganze Nation und alle Europäer warf, sich so bald<lb/>
nicht verwischte. Die grösste Wirkung muss auf die Landes-<lb/>
bewohner der reiche Vortheil geübt haben, welchen sie selbst aus<lb/>
dem fremden Handel zogen. Ein beredtes Zeugniss bietet dafür<lb/>
die an den Kaiser gerichtete Petition eines Kantonesen, welche, von<lb/><persName ref="http://d-nb.info/gnd/121769232">Davis</persName> ohne Datum abgedruckt, nach Inhalt und Zusammenhang in<lb/>
die letzte Zeit der <hi rendition="#k">Min&#x0307;</hi>-Dynastie gehört. Der fremde Handel war,<lb/>
wie nach ernsten Conflicten häufig geschah, verboten worden. Der<lb/>
Bittsteller macht nun geltend, dass ein grosser Theil der öffent-<lb/>
lichen Ausgaben durch die von den ausländischen Kaufleuten er-<lb/>
hobenen Steuern aufgebracht werde; dass, wenn keine fremden<lb/>
Schiffe kämen, sowohl öffentliche als Privat-Interessen darunter<lb/>
litten. Er bittet deshalb, dass den Franken der Handel wieder<lb/>
gestattet werde und zählt die daraus entspringenden Vortheile auf:<lb/>
den regelmässigen Tribut der fremden Völker und die von den<lb/>
Kaufleuten zu Bestreitung der localen Ausgaben erhobenen Zölle;<lb/>
den zum Unterhalt der Garnison erforderlichen Zuschuss, der nur<lb/>
durch Steuern auf den fremden Handel aufgebracht werden könne;<lb/>
den Gewinn der einheimischen Kaufleute, dessen Wohlthaten die<lb/>
ganze Bevölkerung fühle u. s. w. &#x2014; Dieses Gesuch und einige<lb/>
andere Documente &#x2014; statistische Aufstellungen chinesischer Beam-<lb/>
ten über den fremden Handel &#x2014; beweisen deutlich, dass man die<lb/>
dem Lande daraus entspringenden Vortheile wohl zu schätzen<lb/>
wusste, wenn auch den Ausländern gegenüber stets vorgegeben<lb/>
wurde, man dulde sie nur aus Gnade und trotz dem aus ihrer An-<lb/>
wesenheit dem Lande erwachsenden Schaden.</p><lb/>
          <p>Vielfach mögen freilich die Nachtheile des Fremdenverkehrs<lb/>
dessen Vortheile überwogen haben; das beweist u. a. die Vertrei-<lb/>
bung der Portugiesen aus <hi rendition="#k"><placeName>Nin&#x0307;-po</placeName></hi> im Jahre 1545. Dem friedfertigen<lb/>
Theile der Ansiedler mussten die wilden Freibeuter, die in zahl-<lb/>
reichen Horden die Küsten beunruhigten und frech das Innere des<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[9/0031] Vortheile des fremden Handels für China. die festere Gestaltung des Verkehrs sich vollzog, fehlen die Nachrichten; von rühmlichen Thaten mag sie kaum begleitet ge- wesen sein. Die Portugiesen erwirkten wohl alle Zugeständnisse der Mandarinen durch Schmeichelei und Bestechung; denn einer Machtentfaltung, welche ihren Forderungen hätte Nachdruck geben können, waren sie nicht fähig. Die Chinesen mögen unterscheiden gelernt haben zwischen friedfertigen Kaufleuten und gesetzlosen Abenteurern, wenn auch der Schatten, welchen das Auftreten der letzteren auf die ganze Nation und alle Europäer warf, sich so bald nicht verwischte. Die grösste Wirkung muss auf die Landes- bewohner der reiche Vortheil geübt haben, welchen sie selbst aus dem fremden Handel zogen. Ein beredtes Zeugniss bietet dafür die an den Kaiser gerichtete Petition eines Kantonesen, welche, von Davis ohne Datum abgedruckt, nach Inhalt und Zusammenhang in die letzte Zeit der Miṅ-Dynastie gehört. Der fremde Handel war, wie nach ernsten Conflicten häufig geschah, verboten worden. Der Bittsteller macht nun geltend, dass ein grosser Theil der öffent- lichen Ausgaben durch die von den ausländischen Kaufleuten er- hobenen Steuern aufgebracht werde; dass, wenn keine fremden Schiffe kämen, sowohl öffentliche als Privat-Interessen darunter litten. Er bittet deshalb, dass den Franken der Handel wieder gestattet werde und zählt die daraus entspringenden Vortheile auf: den regelmässigen Tribut der fremden Völker und die von den Kaufleuten zu Bestreitung der localen Ausgaben erhobenen Zölle; den zum Unterhalt der Garnison erforderlichen Zuschuss, der nur durch Steuern auf den fremden Handel aufgebracht werden könne; den Gewinn der einheimischen Kaufleute, dessen Wohlthaten die ganze Bevölkerung fühle u. s. w. — Dieses Gesuch und einige andere Documente — statistische Aufstellungen chinesischer Beam- ten über den fremden Handel — beweisen deutlich, dass man die dem Lande daraus entspringenden Vortheile wohl zu schätzen wusste, wenn auch den Ausländern gegenüber stets vorgegeben wurde, man dulde sie nur aus Gnade und trotz dem aus ihrer An- wesenheit dem Lande erwachsenden Schaden. Vielfach mögen freilich die Nachtheile des Fremdenverkehrs dessen Vortheile überwogen haben; das beweist u. a. die Vertrei- bung der Portugiesen aus Niṅ-po im Jahre 1545. Dem friedfertigen Theile der Ansiedler mussten die wilden Freibeuter, die in zahl- reichen Horden die Küsten beunruhigten und frech das Innere des

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/berg_ostasien03_1873
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/berg_ostasien03_1873/31
Zitationshilfe: [Berg, Albert]: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Bd. 3. Berlin, 1873, S. 9. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/berg_ostasien03_1873/31>, abgerufen am 23.03.2019.