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Barclay, John (Übers. Martin Opitz): Johann Barclaÿens Argenis Deutsch gemacht durch Martin Opitzen. Breslau, 1626.

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Joh. Barclayens Argenis/
schreckliches vnd abschewliches Specakel eines erst
geschehenen Schiffbruches für Augen. Es war ein
Schiff gantz mit Wasser vberschwemmet/ auß wel-
chem nur der blosse Mast herfür ragete/ weil es nicht
vmbgerissen/ sondern nur eyngesencket worden. Vnd
was das aller scheutzlichste war/ es stund ein Ruder-
knecht/ so sich erhalten/ vnd hatte das Zitter holtz am
Mastbaume vmbfangen/ halb todt vnd erbleichet/
außgenommen daß jhn die Lufft etwas ferbete. Der
ärmeste bate mit Häupte vnd Händen (dann für dem
Braufen der Wellen vermochte man kein Wort zu
vernemen) man wolte jhn vom Tode erretten: wie
dann ein jeder hiedurch zu Erbarmung beweget
ward. Derhalben stiegen etliche Schiffknechte in
den Nachen; vnd als er sich vom Maste herunter
gelassen/ namen sie jn fast gantz verstarret vnd luden
jhn zum Timonides eyn. Als er wider zum Athem
kommen/ welchen er zuvor durch die Furchte verloh-
ren hatte/ streckte er sich halb todt nach aller Länge
auff die Schiffbühne/ biß sie jhn mit Geruche deß
Weins erquicketen/ vnd Timonides fragete/ wer er
were/ vnd wo er hin gewolt als jhn diese Fortun be-
troffen hette. Ich bin/ sagte er/ von Rhege/ vnd nehre
mich vom Schiffwesen. An jetzo gedachte ich in
Franckreich/ dahin ich einen vornemen Edelman zu
führen auffgenommen hatte. Ich sahe wol/ daß es
auff dem Meer nit wol zusagen würde. Der Windt
war nicht groß; aber doch vngewiß/ die Lufft stundt
trübe vnd gewölcket: darumb wolte ich auch von dem

Porte

Joh. Barclayens Argenis/
ſchreckliches vnd abſchewliches Specakel eines erſt
geſchehenen Schiffbruches fuͤr Augen. Es war ein
Schiff gantz mit Waſſer vberſchwem̃et/ auß wel-
chem nur der bloſſe Maſt herfuͤr ragete/ weil es nicht
vmbgeriſſen/ ſondern nur eyngeſencket wordẽ. Vnd
was das aller ſcheutzlichſte war/ es ſtund ein Ruder-
knecht/ ſo ſich erhalten/ vnd hatte das Zitter holtz am
Maſtbaume vmbfangen/ halb todt vnd erbleichet/
außgenommen daß jhn die Lufft etwas ferbete. Der
aͤrmeſte bate mit Haͤupte vñ Haͤnden (dann fuͤr dem
Braufen der Wellen vermochte man kein Wort zu
vernemen) man wolte jhn vom Tode erꝛetten: wie
dann ein jeder hiedurch zu Erbarmung beweget
ward. Derhalben ſtiegen etliche Schiffknechte in
den Nachen; vnd als er ſich vom Maſte herunter
gelaſſen/ namen ſie jn faſt gantz verſtarꝛet vnd luden
jhn zum Timonides eyn. Als er wider zum Athem
kommẽ/ welchen er zuvor durch die Furchte verloh-
ren hatte/ ſtreckte er ſich halb todt nach aller Laͤnge
auff die Schiffbuͤhne/ biß ſie jhn mit Geruche deß
Weins erquicketen/ vnd Timonides fragete/ wer er
were/ vnd wo er hin gewolt als jhn dieſe Fortun be-
troffen hette. Ich bin/ ſagte er/ von Rhege/ vnd nehre
mich vom Schiffweſen. An jetzo gedachte ich in
Franckreich/ dahin ich einen vornemen Edelman zu
fuͤhren auffgenommen hatte. Ich ſahe wol/ daß es
auff dem Meer nit wol zuſagen wuͤrde. Der Windt
war nicht groß; aber doch vngewiß/ die Lufft ſtundt
truͤbe vñ gewoͤlcket: darumb wolte ich auch von dem

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[242/0286] Joh. Barclayens Argenis/ ſchreckliches vnd abſchewliches Specakel eines erſt geſchehenen Schiffbruches fuͤr Augen. Es war ein Schiff gantz mit Waſſer vberſchwem̃et/ auß wel- chem nur der bloſſe Maſt herfuͤr ragete/ weil es nicht vmbgeriſſen/ ſondern nur eyngeſencket wordẽ. Vnd was das aller ſcheutzlichſte war/ es ſtund ein Ruder- knecht/ ſo ſich erhalten/ vnd hatte das Zitter holtz am Maſtbaume vmbfangen/ halb todt vnd erbleichet/ außgenommen daß jhn die Lufft etwas ferbete. Der aͤrmeſte bate mit Haͤupte vñ Haͤnden (dann fuͤr dem Braufen der Wellen vermochte man kein Wort zu vernemen) man wolte jhn vom Tode erꝛetten: wie dann ein jeder hiedurch zu Erbarmung beweget ward. Derhalben ſtiegen etliche Schiffknechte in den Nachen; vnd als er ſich vom Maſte herunter gelaſſen/ namen ſie jn faſt gantz verſtarꝛet vnd luden jhn zum Timonides eyn. Als er wider zum Athem kommẽ/ welchen er zuvor durch die Furchte verloh- ren hatte/ ſtreckte er ſich halb todt nach aller Laͤnge auff die Schiffbuͤhne/ biß ſie jhn mit Geruche deß Weins erquicketen/ vnd Timonides fragete/ wer er were/ vnd wo er hin gewolt als jhn dieſe Fortun be- troffen hette. Ich bin/ ſagte er/ von Rhege/ vnd nehre mich vom Schiffweſen. An jetzo gedachte ich in Franckreich/ dahin ich einen vornemen Edelman zu fuͤhren auffgenommen hatte. Ich ſahe wol/ daß es auff dem Meer nit wol zuſagen wuͤrde. Der Windt war nicht groß; aber doch vngewiß/ die Lufft ſtundt truͤbe vñ gewoͤlcket: darumb wolte ich auch von dem Porte

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Zitationshilfe: Barclay, John (Übers. Martin Opitz): Johann Barclaÿens Argenis Deutsch gemacht durch Martin Opitzen. Breslau, 1626, S. 242. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/barclay_argenis_1626/286>, abgerufen am 19.09.2020.