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Bäumer, Gertrud: Unreife Rabiatheit. In: Die Frau 9 (1909), S. 513-519.

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"Unreife Rabiatheit."
Taktische Erwägungen zur Frauenstimmrechtsfrage.


Nachdruck verboten.

Jm englischen Parlament hat sich am 25. April folgendes zugetragen: Ein
Vertreter der Arbeiterpartei hatte einen Antrag zur Gewährung des Frauen-
stimmrechts eingebracht, der für die Sitzung dieses Tages - eines Schwerinstages -
auf der Tagesordnung stand. Es muß vorausgeschickt werden, daß die Stimmung
im englischen Unterhaus für das Frauenstimmrecht augenblicklich eine außerordentlich
günstige ist; es war bekannt, daß eine große Majorität der Abgeordneten für den
Antrag stimmen würde. Mr. Keir Hardie's Antrag lautete: "Das Haus möge
folgenden Beschluß fassen: es ist wünschenswert, daß das Geschlecht für die Ausübung
des parlamentarischen Wahlrechts kein Hindernis mehr bildet." Der Antrag kam
anderthalb Stunden vor Schluß der Sitzung zur Verhandlung. Er wurde von einer
Reihe von Parlamentsmitgliedern bestritten, von anderen unterstützt. Mr. Gladstone
gab im Namen der Regierung die Erklärung, daß sich die Regierung vorläufig der
Stellungnahme in dieser Angelegenheit enthalten wolle und dem Haus der Ab-
geordneten überlasse, darüber zu verhandeln und zu beschließen. Er persönlich würde
für den Antrag stimmen. Es erhob sich dann ein Gegner des Antrages, der an-
scheinend die Absicht hatte, durch Obstruktion die Abstimmung zu verhindern, d. h.
die Zeit bis zum Schluß der Sitzung in Anspruch zu nehmen.

Auf der Ladies' Gallery hatten sich nun die Führerinnen eines Verbandes
eingefunden, der sich Social and Political League nennt und die Kunst

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„Unreife Rabiatheit.“
Taktische Erwägungen zur Frauenstimmrechtsfrage.


Nachdruck verboten.

Jm englischen Parlament hat sich am 25. April folgendes zugetragen: Ein
Vertreter der Arbeiterpartei hatte einen Antrag zur Gewährung des Frauen-
stimmrechts eingebracht, der für die Sitzung dieses Tages – eines Schwerinstages –
auf der Tagesordnung stand. Es muß vorausgeschickt werden, daß die Stimmung
im englischen Unterhaus für das Frauenstimmrecht augenblicklich eine außerordentlich
günstige ist; es war bekannt, daß eine große Majorität der Abgeordneten für den
Antrag stimmen würde. Mr. Keir Hardie's Antrag lautete: „Das Haus möge
folgenden Beschluß fassen: es ist wünschenswert, daß das Geschlecht für die Ausübung
des parlamentarischen Wahlrechts kein Hindernis mehr bildet.“ Der Antrag kam
anderthalb Stunden vor Schluß der Sitzung zur Verhandlung. Er wurde von einer
Reihe von Parlamentsmitgliedern bestritten, von anderen unterstützt. Mr. Gladstone
gab im Namen der Regierung die Erklärung, daß sich die Regierung vorläufig der
Stellungnahme in dieser Angelegenheit enthalten wolle und dem Haus der Ab-
geordneten überlasse, darüber zu verhandeln und zu beschließen. Er persönlich würde
für den Antrag stimmen. Es erhob sich dann ein Gegner des Antrages, der an-
scheinend die Absicht hatte, durch Obstruktion die Abstimmung zu verhindern, d. h.
die Zeit bis zum Schluß der Sitzung in Anspruch zu nehmen.

Auf der Ladies’ Gallery hatten sich nun die Führerinnen eines Verbandes
eingefunden, der sich Social and Political League nennt und die Kunst

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Zitationshilfe: Bäumer, Gertrud: Unreife Rabiatheit. In: Die Frau 9 (1909), S. 513-519. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/baeumer_rabiatheit_1906/1>, S. [513], abgerufen am 24.10.2017.