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Allgemeine Zeitung. Nr. 134. Augsburg, 13. Mai 1840.

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werden solle, indessen ist es noch keineswegs entschieden, ob nicht der Ausgang dieses Landtags einen baldigen zweiten nöthig macht, denn abgesehen von den schwebenden Verfassungsfragen und dem Vorschlag Hans Janssons hat auch der Constitutionsausschuß dieser Tage einen Vorschlag gemacht, daß die Reichstagwähler zusammentreten, und daß über diesen Vorschlag einzeln und unabhängig von den übrigen Repräsentationsfragen ein Beschluß gefaßt werden solle. - Der Staatsausschuß ist nun mit seinen Bedenken über die verschiedenen Titel des ordentlichen Budgets fertig, und die gleichgesinnten Mitglieder aller vier Stände haben eine Versammlung zur vorläufigen Privatberathung darüber im Local der Clubzimmer des Bürgerstandes auf heute anberaumt.

Rußland und Polen.

Man schreibt aus Warschau, daß der Erzbischof von Podlachien, welcher seit langer Zeit mit den weltlichen Behörden in Widerspruch war, von seiner Diöcese entfernt worden, und in Rußland einen Ort zu seinem fernern Aufenthalt angewiesen erhielt. Diese Sache soll in Polen viel Aufsehen machen. Man erwartet den Kaiser von Rußland im Lauf des Monats zu Warschau, wo er sich einige Tage aufhalten will, worauf er eine Inspectionsreise im südlichen Rußland vorzunehmen gedenkt. Der Feldmarschall Fürst Paskewitsch wird ihn auf dieser Reise begleiten.

Syrien und Aegypten.

Die heutigen Pariser Blätter bringen einen Bericht des k. k. österreichischen Consuls zu Damaskus an den k. k. österreichischen Generalconsul in Alexandria, in Bezug der Damascener Juden, deren Martyrthum an die dunkelsten Zeiten des Mittelalters erinnert. Während wir in Europa die Mährchen desselben als poetischen Stoff bearbeiten und uns an jenen schauerlich naiven Sagen ergötzen, womit unsere Vorfahren sich nicht wenig ängstigten; während bei uns nur noch in Gedichten und Romanen von jenen Hexen, Wehrwölfen und Juden die Rede ist, die zu ihrem Satansdienst das Blut frommer Christenkinder nöthig haben; während wir lachen und vergessen, fängt man an im Morgenlande sich sehr betrübsam des alten Aberglaubens zu erinnern und gar ernsthafte Gesichter zu schneiden, Gesichter des düstersten Grimms und der verzweifelnden Todesqual: der Henker foltert und der Jude gesteht, daß er, bei dem herannahenden Paschafeste etwas Christenblut brauchte zum Eintunken für seine trockenen Osterbröde, und daß er zu diesem Behufe einen alten Capuciner abgeschlachtet habe! Der Türke ist dumm und schnöde und stellt gern seine Bastonnaden- und Torturapparate zur Verfügung der Christen gegen die angeklagten Juden; denn beide Secten sind ihm verhaßt, er betrachtet sie beide wie Hunde, er nennt sie auch mit diesem Ehrennamen, und er freut sich gewiß, wenn der christliche Giaur ihm Gelegenheit gibt, mit einigem Anschein von Recht den jüdischen Giaur zu mißhandeln. Wartet nur, wenn es mal des Pascha's Vortheil seyn wird und er nicht mehr den bewaffneten Einfluß der Europäer zu fürchten braucht, wird er auch dem beschnittenen Hunde Gehör schenken, und dieser wird unsere christlichen Brüder anklagen, Gott weiß wessen! Heute Amboß, morgen Hammer! - Aber für den Freund der Menschheit wird dergleichen immer ein Herzleid seyn. Erscheinungen dieser Art sind ein Unglück, dessen Folgen unberechenbar. Der Fanatismus ist ein ansteckendes Uebel, das sich unter den verschiedensten Formen verbreitet, und am Ende gegen uns alle wüthet. Der französische Consul in Damaskus, der Graf Ratti-Menton, hat sich Dinge zu Schulden kommen lassen, die hier einen allgemeinen Schrei des Entsetzens erregten. Er ist es, welcher den occidentalischen Aberglauben dem Orient einimpfte, und unter dem Pöbel von Damaskus eine Schrift austheilte, worin die Juden des Christenmords bezichtigt werden. Diese haßschnaufende Schrift, die der Graf Menton von seinen geistlichen Freunden zum Behufe der Verbreitung empfangen hatte, ist ursprünglich der Bibliotheca prompta a Lucio Ferrario entlehnt, und es wird darin ganz bestimmt behauptet, daß die Juden zur Feier ihres Paschafestes des Blutes der Christen bedürften. Der edle Graf hütete sich, die damit verbundene Sage des Mittelalters zu wiederholen, daß nämlich die Juden zu demselben Zwecke auch consacrirte Hostien stehlen und mit Nadeln so lange stechen, bis das Blut herausfließe - eine Unthat, die im Mittelalter nicht bloß durch beeidigte Zeugenaussagen, sondern auch dadurch ans Tageslicht gekommen, daß über dem Judenhause, worin eine jener gestohlenen Hostien gekreuzigt worden, sich ein lichter Schein verbreitete. Nein, die Ungläubigen, die Mohammedaner, hätten dergleichen nimmermehr geglaubt, und der Graf Menton mußte, im Interesse seiner Sendung, zu weniger mirakulösen Historien seine Zuflucht nehmen. Ich sage im Interesse seiner Sendung, und überlasse diese Worte dem weitesten Nachdenken. Der Hr. Graf ist erst seit kurzer Zeit in Damaskus; vor sechs Monaten sah man ihn hier in Paris, der Werkstätte aller progressiven, aber auch aller retrograden Verbrüderungen. - Der hiesige Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Hr. Thiers, der sich jüngst nicht bloß als Mann der Humanität, sondern sogar als Sohn der Revolution geltend zu machen suchte, offenbart bei Gelegenheit der Damascener Vorgänge eine befremdliche Lauheit. Nach dem heutigen Moniteur soll bereits ein Viceconsul nach Damaskus abgegangen seyn, um das Betragen des dortigen französischen Consuls zu untersuchen. Ein Viceconsul! Gewiß eine untergeordnete Person aus einer nachbarlichen Landschaft, ohne Namen und ohne Bürgschaft parteiloser Unabhängigkeit!

Ostindien und China.

Ich habe vor einigen Tagen einen Brief aus Candahar gesehen, geschrieben von einem Officier, der dort mit einem Transport Geld für die Armee angekommen war. Er schreibt, daß er von Schikarpur nach Candahar 60 Tage gebraucht habe, und daß die Abwechslung des Klima's zwischen Schikarpur, wo die Hitze 102° Fahrenheit (31° Reaum.) und die Höhe des Bolanpasses, wo der Thermometer auf 19 gefallen war, den Marsch der Gesundheit der Truppen sehr gefährlich mache. Der Bolanpaß ist seiner Beschreibung nach an keiner Stelle schwer zu passiren: seine große Schwierigkeit besteht in seiner Länge, die 60 englische Meilen beträgt, und den unzähligen Windungen und Ecken, welche er bildet, und deren jede den Beludschen zum Hinterhalt dienen kann. Man sieht selten 100 Schritte vor sich, ehe sich der Weg oder vielmehr die Schlucht wieder biegt, und bekommt keine Wohnung, kein menschliches Wesen zu Gesicht, als wenn man das Glück hat, einige Beludschen mit ihren langen Flinten über einen Felsen herauslauernd zu sehen. Er selbst kam unangegriffen hindurch, was er dem zuschreibt, daß er immer im Freien geschlafen, und auf die sorgfältigste Wacht bei seiner Escorte gesehen, so wie dem Umstand, daß Mihral Chan von Kelat die Beludschen damals so viel möglich zur Vertheidigung seiner Hauptstadt zusammenberufen habe. In Candahar fand er Alles ruhig, wenigstens öffentlich, obgleich es nicht gerathen war, allein auf die Jagd oder in die Umgegend zu gehen. Er wurde in dem Palast eines der ehemaligen Amir einquartiert, der von außen sehr elend aussieht, aber innen mit Geschmack und Luxus geziert ist. Er fand, daß der Eindruck, den die Afghanen bei längerer

werden solle, indessen ist es noch keineswegs entschieden, ob nicht der Ausgang dieses Landtags einen baldigen zweiten nöthig macht, denn abgesehen von den schwebenden Verfassungsfragen und dem Vorschlag Hans Janssons hat auch der Constitutionsausschuß dieser Tage einen Vorschlag gemacht, daß die Reichstagwähler zusammentreten, und daß über diesen Vorschlag einzeln und unabhängig von den übrigen Repräsentationsfragen ein Beschluß gefaßt werden solle. – Der Staatsausschuß ist nun mit seinen Bedenken über die verschiedenen Titel des ordentlichen Budgets fertig, und die gleichgesinnten Mitglieder aller vier Stände haben eine Versammlung zur vorläufigen Privatberathung darüber im Local der Clubzimmer des Bürgerstandes auf heute anberaumt.

Rußland und Polen.

Man schreibt aus Warschau, daß der Erzbischof von Podlachien, welcher seit langer Zeit mit den weltlichen Behörden in Widerspruch war, von seiner Diöcese entfernt worden, und in Rußland einen Ort zu seinem fernern Aufenthalt angewiesen erhielt. Diese Sache soll in Polen viel Aufsehen machen. Man erwartet den Kaiser von Rußland im Lauf des Monats zu Warschau, wo er sich einige Tage aufhalten will, worauf er eine Inspectionsreise im südlichen Rußland vorzunehmen gedenkt. Der Feldmarschall Fürst Paskewitsch wird ihn auf dieser Reise begleiten.

Syrien und Aegypten.

Die heutigen Pariser Blätter bringen einen Bericht des k. k. österreichischen Consuls zu Damaskus an den k. k. österreichischen Generalconsul in Alexandria, in Bezug der Damascener Juden, deren Martyrthum an die dunkelsten Zeiten des Mittelalters erinnert. Während wir in Europa die Mährchen desselben als poetischen Stoff bearbeiten und uns an jenen schauerlich naiven Sagen ergötzen, womit unsere Vorfahren sich nicht wenig ängstigten; während bei uns nur noch in Gedichten und Romanen von jenen Hexen, Wehrwölfen und Juden die Rede ist, die zu ihrem Satansdienst das Blut frommer Christenkinder nöthig haben; während wir lachen und vergessen, fängt man an im Morgenlande sich sehr betrübsam des alten Aberglaubens zu erinnern und gar ernsthafte Gesichter zu schneiden, Gesichter des düstersten Grimms und der verzweifelnden Todesqual: der Henker foltert und der Jude gesteht, daß er, bei dem herannahenden Paschafeste etwas Christenblut brauchte zum Eintunken für seine trockenen Osterbröde, und daß er zu diesem Behufe einen alten Capuciner abgeschlachtet habe! Der Türke ist dumm und schnöde und stellt gern seine Bastonnaden- und Torturapparate zur Verfügung der Christen gegen die angeklagten Juden; denn beide Secten sind ihm verhaßt, er betrachtet sie beide wie Hunde, er nennt sie auch mit diesem Ehrennamen, und er freut sich gewiß, wenn der christliche Giaur ihm Gelegenheit gibt, mit einigem Anschein von Recht den jüdischen Giaur zu mißhandeln. Wartet nur, wenn es mal des Pascha's Vortheil seyn wird und er nicht mehr den bewaffneten Einfluß der Europäer zu fürchten braucht, wird er auch dem beschnittenen Hunde Gehör schenken, und dieser wird unsere christlichen Brüder anklagen, Gott weiß wessen! Heute Amboß, morgen Hammer! – Aber für den Freund der Menschheit wird dergleichen immer ein Herzleid seyn. Erscheinungen dieser Art sind ein Unglück, dessen Folgen unberechenbar. Der Fanatismus ist ein ansteckendes Uebel, das sich unter den verschiedensten Formen verbreitet, und am Ende gegen uns alle wüthet. Der französische Consul in Damaskus, der Graf Ratti-Menton, hat sich Dinge zu Schulden kommen lassen, die hier einen allgemeinen Schrei des Entsetzens erregten. Er ist es, welcher den occidentalischen Aberglauben dem Orient einimpfte, und unter dem Pöbel von Damaskus eine Schrift austheilte, worin die Juden des Christenmords bezichtigt werden. Diese haßschnaufende Schrift, die der Graf Menton von seinen geistlichen Freunden zum Behufe der Verbreitung empfangen hatte, ist ursprünglich der Bibliotheca prompta a Lucio Ferrario entlehnt, und es wird darin ganz bestimmt behauptet, daß die Juden zur Feier ihres Paschafestes des Blutes der Christen bedürften. Der edle Graf hütete sich, die damit verbundene Sage des Mittelalters zu wiederholen, daß nämlich die Juden zu demselben Zwecke auch consacrirte Hostien stehlen und mit Nadeln so lange stechen, bis das Blut herausfließe – eine Unthat, die im Mittelalter nicht bloß durch beeidigte Zeugenaussagen, sondern auch dadurch ans Tageslicht gekommen, daß über dem Judenhause, worin eine jener gestohlenen Hostien gekreuzigt worden, sich ein lichter Schein verbreitete. Nein, die Ungläubigen, die Mohammedaner, hätten dergleichen nimmermehr geglaubt, und der Graf Menton mußte, im Interesse seiner Sendung, zu weniger mirakulösen Historien seine Zuflucht nehmen. Ich sage im Interesse seiner Sendung, und überlasse diese Worte dem weitesten Nachdenken. Der Hr. Graf ist erst seit kurzer Zeit in Damaskus; vor sechs Monaten sah man ihn hier in Paris, der Werkstätte aller progressiven, aber auch aller retrograden Verbrüderungen. – Der hiesige Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Hr. Thiers, der sich jüngst nicht bloß als Mann der Humanität, sondern sogar als Sohn der Revolution geltend zu machen suchte, offenbart bei Gelegenheit der Damascener Vorgänge eine befremdliche Lauheit. Nach dem heutigen Moniteur soll bereits ein Viceconsul nach Damaskus abgegangen seyn, um das Betragen des dortigen französischen Consuls zu untersuchen. Ein Viceconsul! Gewiß eine untergeordnete Person aus einer nachbarlichen Landschaft, ohne Namen und ohne Bürgschaft parteiloser Unabhängigkeit!

Ostindien und China.

Ich habe vor einigen Tagen einen Brief aus Candahar gesehen, geschrieben von einem Officier, der dort mit einem Transport Geld für die Armee angekommen war. Er schreibt, daß er von Schikarpur nach Candahar 60 Tage gebraucht habe, und daß die Abwechslung des Klima's zwischen Schikarpur, wo die Hitze 102° Fahrenheit (31° Réaum.) und die Höhe des Bolanpasses, wo der Thermometer auf 19 gefallen war, den Marsch der Gesundheit der Truppen sehr gefährlich mache. Der Bolanpaß ist seiner Beschreibung nach an keiner Stelle schwer zu passiren: seine große Schwierigkeit besteht in seiner Länge, die 60 englische Meilen beträgt, und den unzähligen Windungen und Ecken, welche er bildet, und deren jede den Beludschen zum Hinterhalt dienen kann. Man sieht selten 100 Schritte vor sich, ehe sich der Weg oder vielmehr die Schlucht wieder biegt, und bekommt keine Wohnung, kein menschliches Wesen zu Gesicht, als wenn man das Glück hat, einige Beludschen mit ihren langen Flinten über einen Felsen herauslauernd zu sehen. Er selbst kam unangegriffen hindurch, was er dem zuschreibt, daß er immer im Freien geschlafen, und auf die sorgfältigste Wacht bei seiner Escorte gesehen, so wie dem Umstand, daß Mihral Chan von Kelat die Beludschen damals so viel möglich zur Vertheidigung seiner Hauptstadt zusammenberufen habe. In Candahar fand er Alles ruhig, wenigstens öffentlich, obgleich es nicht gerathen war, allein auf die Jagd oder in die Umgegend zu gehen. Er wurde in dem Palast eines der ehemaligen Amir einquartiert, der von außen sehr elend aussieht, aber innen mit Geschmack und Luxus geziert ist. Er fand, daß der Eindruck, den die Afghanen bei längerer

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[1071/0007] werden solle, indessen ist es noch keineswegs entschieden, ob nicht der Ausgang dieses Landtags einen baldigen zweiten nöthig macht, denn abgesehen von den schwebenden Verfassungsfragen und dem Vorschlag Hans Janssons hat auch der Constitutionsausschuß dieser Tage einen Vorschlag gemacht, daß die Reichstagwähler zusammentreten, und daß über diesen Vorschlag einzeln und unabhängig von den übrigen Repräsentationsfragen ein Beschluß gefaßt werden solle. – Der Staatsausschuß ist nun mit seinen Bedenken über die verschiedenen Titel des ordentlichen Budgets fertig, und die gleichgesinnten Mitglieder aller vier Stände haben eine Versammlung zur vorläufigen Privatberathung darüber im Local der Clubzimmer des Bürgerstandes auf heute anberaumt. Rußland und Polen. _ Berlin, 5 Mai. Man schreibt aus Warschau, daß der Erzbischof von Podlachien, welcher seit langer Zeit mit den weltlichen Behörden in Widerspruch war, von seiner Diöcese entfernt worden, und in Rußland einen Ort zu seinem fernern Aufenthalt angewiesen erhielt. Diese Sache soll in Polen viel Aufsehen machen. Man erwartet den Kaiser von Rußland im Lauf des Monats zu Warschau, wo er sich einige Tage aufhalten will, worauf er eine Inspectionsreise im südlichen Rußland vorzunehmen gedenkt. Der Feldmarschall Fürst Paskewitsch wird ihn auf dieser Reise begleiten. Syrien und Aegypten. _ Paris, 7 Mai. Die heutigen Pariser Blätter bringen einen Bericht des k. k. österreichischen Consuls zu Damaskus an den k. k. österreichischen Generalconsul in Alexandria, in Bezug der Damascener Juden, deren Martyrthum an die dunkelsten Zeiten des Mittelalters erinnert. Während wir in Europa die Mährchen desselben als poetischen Stoff bearbeiten und uns an jenen schauerlich naiven Sagen ergötzen, womit unsere Vorfahren sich nicht wenig ängstigten; während bei uns nur noch in Gedichten und Romanen von jenen Hexen, Wehrwölfen und Juden die Rede ist, die zu ihrem Satansdienst das Blut frommer Christenkinder nöthig haben; während wir lachen und vergessen, fängt man an im Morgenlande sich sehr betrübsam des alten Aberglaubens zu erinnern und gar ernsthafte Gesichter zu schneiden, Gesichter des düstersten Grimms und der verzweifelnden Todesqual: der Henker foltert und der Jude gesteht, daß er, bei dem herannahenden Paschafeste etwas Christenblut brauchte zum Eintunken für seine trockenen Osterbröde, und daß er zu diesem Behufe einen alten Capuciner abgeschlachtet habe! Der Türke ist dumm und schnöde und stellt gern seine Bastonnaden- und Torturapparate zur Verfügung der Christen gegen die angeklagten Juden; denn beide Secten sind ihm verhaßt, er betrachtet sie beide wie Hunde, er nennt sie auch mit diesem Ehrennamen, und er freut sich gewiß, wenn der christliche Giaur ihm Gelegenheit gibt, mit einigem Anschein von Recht den jüdischen Giaur zu mißhandeln. Wartet nur, wenn es mal des Pascha's Vortheil seyn wird und er nicht mehr den bewaffneten Einfluß der Europäer zu fürchten braucht, wird er auch dem beschnittenen Hunde Gehör schenken, und dieser wird unsere christlichen Brüder anklagen, Gott weiß wessen! Heute Amboß, morgen Hammer! – Aber für den Freund der Menschheit wird dergleichen immer ein Herzleid seyn. Erscheinungen dieser Art sind ein Unglück, dessen Folgen unberechenbar. Der Fanatismus ist ein ansteckendes Uebel, das sich unter den verschiedensten Formen verbreitet, und am Ende gegen uns alle wüthet. Der französische Consul in Damaskus, der Graf Ratti-Menton, hat sich Dinge zu Schulden kommen lassen, die hier einen allgemeinen Schrei des Entsetzens erregten. Er ist es, welcher den occidentalischen Aberglauben dem Orient einimpfte, und unter dem Pöbel von Damaskus eine Schrift austheilte, worin die Juden des Christenmords bezichtigt werden. Diese haßschnaufende Schrift, die der Graf Menton von seinen geistlichen Freunden zum Behufe der Verbreitung empfangen hatte, ist ursprünglich der Bibliotheca prompta a Lucio Ferrario entlehnt, und es wird darin ganz bestimmt behauptet, daß die Juden zur Feier ihres Paschafestes des Blutes der Christen bedürften. Der edle Graf hütete sich, die damit verbundene Sage des Mittelalters zu wiederholen, daß nämlich die Juden zu demselben Zwecke auch consacrirte Hostien stehlen und mit Nadeln so lange stechen, bis das Blut herausfließe – eine Unthat, die im Mittelalter nicht bloß durch beeidigte Zeugenaussagen, sondern auch dadurch ans Tageslicht gekommen, daß über dem Judenhause, worin eine jener gestohlenen Hostien gekreuzigt worden, sich ein lichter Schein verbreitete. Nein, die Ungläubigen, die Mohammedaner, hätten dergleichen nimmermehr geglaubt, und der Graf Menton mußte, im Interesse seiner Sendung, zu weniger mirakulösen Historien seine Zuflucht nehmen. Ich sage im Interesse seiner Sendung, und überlasse diese Worte dem weitesten Nachdenken. Der Hr. Graf ist erst seit kurzer Zeit in Damaskus; vor sechs Monaten sah man ihn hier in Paris, der Werkstätte aller progressiven, aber auch aller retrograden Verbrüderungen. – Der hiesige Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Hr. Thiers, der sich jüngst nicht bloß als Mann der Humanität, sondern sogar als Sohn der Revolution geltend zu machen suchte, offenbart bei Gelegenheit der Damascener Vorgänge eine befremdliche Lauheit. Nach dem heutigen Moniteur soll bereits ein Viceconsul nach Damaskus abgegangen seyn, um das Betragen des dortigen französischen Consuls zu untersuchen. Ein Viceconsul! Gewiß eine untergeordnete Person aus einer nachbarlichen Landschaft, ohne Namen und ohne Bürgschaft parteiloser Unabhängigkeit! Ostindien und China. _ Calcutta, 14 März. Ich habe vor einigen Tagen einen Brief aus Candahar gesehen, geschrieben von einem Officier, der dort mit einem Transport Geld für die Armee angekommen war. Er schreibt, daß er von Schikarpur nach Candahar 60 Tage gebraucht habe, und daß die Abwechslung des Klima's zwischen Schikarpur, wo die Hitze 102° Fahrenheit (31° Réaum.) und die Höhe des Bolanpasses, wo der Thermometer auf 19 gefallen war, den Marsch der Gesundheit der Truppen sehr gefährlich mache. Der Bolanpaß ist seiner Beschreibung nach an keiner Stelle schwer zu passiren: seine große Schwierigkeit besteht in seiner Länge, die 60 englische Meilen beträgt, und den unzähligen Windungen und Ecken, welche er bildet, und deren jede den Beludschen zum Hinterhalt dienen kann. Man sieht selten 100 Schritte vor sich, ehe sich der Weg oder vielmehr die Schlucht wieder biegt, und bekommt keine Wohnung, kein menschliches Wesen zu Gesicht, als wenn man das Glück hat, einige Beludschen mit ihren langen Flinten über einen Felsen herauslauernd zu sehen. Er selbst kam unangegriffen hindurch, was er dem zuschreibt, daß er immer im Freien geschlafen, und auf die sorgfältigste Wacht bei seiner Escorte gesehen, so wie dem Umstand, daß Mihral Chan von Kelat die Beludschen damals so viel möglich zur Vertheidigung seiner Hauptstadt zusammenberufen habe. In Candahar fand er Alles ruhig, wenigstens öffentlich, obgleich es nicht gerathen war, allein auf die Jagd oder in die Umgegend zu gehen. Er wurde in dem Palast eines der ehemaligen Amir einquartiert, der von außen sehr elend aussieht, aber innen mit Geschmack und Luxus geziert ist. Er fand, daß der Eindruck, den die Afghanen bei längerer

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 134. Augsburg, 13. Mai 1840, S. 1071. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_134_18400513/7>, abgerufen am 06.04.2020.