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Allgemeine Zeitung. Nr. 55. Augsburg, 24. Februar 1840.

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eines allverehrten Mannes, eines wahren Chevalier sans peur et sans reproche, derengleichen in Wahrheit immer nicht häufig waren, aber nach dem neuen Gange der Welt noch seltener zu werden drohen (wie wird man z. B. künftig einen Bayard unter den Bankiers oder Industriellen classificiren? meine Einbildungskraft läßt mich dabei in Stich), und des Grafen Beckers, eines so liebenswürdigen, noch immer jugendlichen Greises, daß man sich bei seinem Anblick über das eigene Altwerden tröstet, in der Hoffnung, mit kräftigem Vorsatz auch einst einem so schönen Vorbild ähnlich werden zu können. *)

Der erstgenannte Cirkel, voll Urbanität und ungezwungener Heiterkeit, ist in der Regel mannichfaltiger belebt als der zweite. Viele holde Frauen sah ich dort, bewunderte die schöne Gräfin Z....., lauschte mit Behagen der anziehenden Unterhaltung der Gräfin F....., besonders den Erzählungen vieler fast abenteuerlicher Wagnisse ihres Bruders, von denen ich schon in allen Welttheilen sprechen hörte, und die auch dir, dem kühnen Reiter, nicht unbekannt geblieben seyn werden, befestigte mich in meiner Frömmigkeit, durch die milderndsten Worte der vortrefflichen Gräfin Th..., eines der edelsten, ächt christlichen Gemüther, dessen Ausströmung die Seele erwärmt wie der Maisonne wohlthuendster Strahl, und erfreute mich endlich in den Zwischenacten, als ein in Afrika's Wüsten Verwildeter, fortwährend an der anmuthigen, harmlosen Weltgewandtheit der Hausfrau, die mit stets gleicher guter Laune jeden der Besucher zu berücksichtigen und das passende Wort für ihn zu finden wußte.

Im andern Hause, wo sich die Gesellschaft jetzt mehr auf die zahlreiche Familie beschränkt, präsidirt eine Dame, welche an ausgezeichneten Eigenschaften keiner nachsteht, und in der ich noch obendrein eine Landsmännin zu verehren hatte. Wie viel Güte habe ich in diesem patriarchalischen Kreise genossen, und wie fand ich immer dort Geist und Herz gleich innig angesprochen! Gewiß, solche Erinnerungen bleiben gehaltreich für das ganze Leben, und um Freunde zu erkennen, braucht es ja nicht immer langer Zeit, oft nur der günstigen Gelegenheit und der Empfänglichkeit.

Dieselbe Erfahrung - und du hast vollkommen recht, lieber Max, wenn du dich über mein gutes, wohl kaum verdientes Glück in dieser Hinsicht wunderst - habe ich auch noch an einem dritten Ort in Pesth gemacht. Doch dieß Triumvirat (denn von drei Damen ist die Rede) genügend zu schildern, versage ich mir aus mehr als Einem Grunde. Nur so viel wisse, für deine Jugend wäre solche Nähe gefährlicher gewesen als für mich, obgleich du mich jetzt beneiden wirst, wenn du erfährst, daß zwei holde Mädchen dazu gehören, wovon die ältere mit ihren blauen Augen und seidnen Goldlocken, mit ihrer klugen Stirn, ihrer Herzensgüte und ihrem hochgebildeten Geiste, die jüngere mit dem schwarzen Haar und dem circassischen Augenpaar, das, wie über noch ungelöste Geheimnisse brütend, fast immer an dem Boden weilt, und durch seinen Aufschlag dann nur um so heftiger ergreift - die eine des Nordens Typus, die andere des Orients Blumenleben auf wunderbare Weise repräsentirt.

(Beschluß folgt.)

Spanien.

Das Tagsgespräch bilden hier noch immer die Wahlen. Die Verhaftung der Municipalität in der Corunda, welche das Wahlgesetz gegen den politischen Chef (Civilgouverneur) vertheidigen wollte, und die dadurch veranlaßte Volksbewegung und Erklärung des Belagerungsstandes haben die Stadt Corunda der Theilnahme an den Wahlen und die Progressisten einer Anzahl von 1500 Stimmen beraubt, folglich den Sieg der Moderantisten in der gleichnamigen Provinz herbeigeführt. In der Provinz Leon wollte der politische Chef eine neue Vertheilung der Wahldistricte, was doch nur der Provincialdeputation zusteht. Diese, eine der wenigen progressistischen, die es jetzt gibt, widersetzte sich, der politische Chef suspendirte die Wahlen, die Provincialdeputation ließ sie dem Buchstaben des Gesetzes nach dennoch vornehmen; zehn Districte getrauten sich nicht, der Provincialdeputation zu folgen, in den übrigen neun erhielten die Progressisten eine große Majorität, aber Niemand weiß, ob diese Wahlen gültig sind oder nicht. In mehreren Provinzen kommen ähnliche Schwierigkeiten vor. Das ganze Verfahren ist so voll von Nullitäten, und hat eine solche Verwirrung in das constitutionelle System geworfen, daß die Constitution ein bloßer Name geblieben ist und jeder in den Umständen Rath suchen wird. Die Moderantisten sind der Meinung, es wäre am besten, die drei famösen Gesetzesentwürfe über Municipaleinrichtungen, Nationalgarde und Druckfreiheit sogleich als geltend zu promulgiren, und die Discussion (wodurch sie doch erst Gesetze werden können) hinterher folgen zu lassen. Unter den Progressisten gibt es einige, welche überhaupt gegen die Wahlen protestiren und im Nothfall die Minorität nach Cuenca oder Saragossa versetzen wollen. Wahrscheinlich wird keine der beiden Parteien zu solchen Extremen schreiten; sie müssen ja doch wenigstens die Symptome des Eindrucks abwarten, welchen das unerwartete Resultat der Wahlen in den Gemüthern hervorbringen wird. Es wäre nichts Besonderes in Spanien, wenn selbst diejenigen, welche durch ihre Abstimmung dieses Resultat herbeiführten, ihr eigenes Werk verblüfft anstaunten und ausriefen: was haben wir denn da gemacht! Eben so ungewiß ist die Ministerialveränderung; die Ultramoderantisten verlangen natürlich, daß ihre Hauptkoryphäen wieder ans Ruder treten; die gegenwärtigen Minister rufen dagegen ihren so eben geleisteten Dienst und die Nothwendigkeit einer umsichtigen Politik an. Man sprach dieser Tage von dem Eintritt der HH. Isturiz, Mon und Clonard in die Ministerien des Innern, der Finanzen und des Kriegs; aber davon ist es wieder still. Man sagte auch, Isturiz widersetze sich der Beibehaltung des Zehnten. Die Wahrheit ist, daß die Moderantisten bis jetzt keinen bestimmten Plan haben, und schwerlich die Eintracht unter sich erhalten werden. Dazu kommt, daß das Ministerium nicht in dem besten Vernehmen mit Espartero steht, besonders seitdem der letztere den berufenen Aviraneta in Saragossa verhaften ließ, wo er von Madrid aus mit einer geheimen Sendung angekommen war.

Preußen.

Ein überaus interessantes und möglicherweise auch folgenreiches Naturereigniß ist die veränderte Richtung nach dem Meere, die seit einigen Wochen ein großer europäischer Strom, die Weichsel, genommen hat. Die Weichsel ist, wie Sie bereits wissen, plötzlich bei Danzig ausgeblieben, und hat sich einen nähern, bequemern Weg nach der Ostsee

*) Dieser grausame Winter, der so schnell nach einander mehrere bedeutende Personen in der österreichischen Monarchie plötzlich hinraffte, hat uns auch, wie ich so eben mit tiefem Schmerz erfahre, den Grafen Beckers entrissen.

eines allverehrten Mannes, eines wahren Chevalier sans peur et sans reproche, derengleichen in Wahrheit immer nicht häufig waren, aber nach dem neuen Gange der Welt noch seltener zu werden drohen (wie wird man z. B. künftig einen Bayard unter den Bankiers oder Industriellen classificiren? meine Einbildungskraft läßt mich dabei in Stich), und des Grafen Beckers, eines so liebenswürdigen, noch immer jugendlichen Greises, daß man sich bei seinem Anblick über das eigene Altwerden tröstet, in der Hoffnung, mit kräftigem Vorsatz auch einst einem so schönen Vorbild ähnlich werden zu können. *)

Der erstgenannte Cirkel, voll Urbanität und ungezwungener Heiterkeit, ist in der Regel mannichfaltiger belebt als der zweite. Viele holde Frauen sah ich dort, bewunderte die schöne Gräfin Z....., lauschte mit Behagen der anziehenden Unterhaltung der Gräfin F....., besonders den Erzählungen vieler fast abenteuerlicher Wagnisse ihres Bruders, von denen ich schon in allen Welttheilen sprechen hörte, und die auch dir, dem kühnen Reiter, nicht unbekannt geblieben seyn werden, befestigte mich in meiner Frömmigkeit, durch die milderndsten Worte der vortrefflichen Gräfin Th..., eines der edelsten, ächt christlichen Gemüther, dessen Ausströmung die Seele erwärmt wie der Maisonne wohlthuendster Strahl, und erfreute mich endlich in den Zwischenacten, als ein in Afrika's Wüsten Verwildeter, fortwährend an der anmuthigen, harmlosen Weltgewandtheit der Hausfrau, die mit stets gleicher guter Laune jeden der Besucher zu berücksichtigen und das passende Wort für ihn zu finden wußte.

Im andern Hause, wo sich die Gesellschaft jetzt mehr auf die zahlreiche Familie beschränkt, präsidirt eine Dame, welche an ausgezeichneten Eigenschaften keiner nachsteht, und in der ich noch obendrein eine Landsmännin zu verehren hatte. Wie viel Güte habe ich in diesem patriarchalischen Kreise genossen, und wie fand ich immer dort Geist und Herz gleich innig angesprochen! Gewiß, solche Erinnerungen bleiben gehaltreich für das ganze Leben, und um Freunde zu erkennen, braucht es ja nicht immer langer Zeit, oft nur der günstigen Gelegenheit und der Empfänglichkeit.

Dieselbe Erfahrung – und du hast vollkommen recht, lieber Max, wenn du dich über mein gutes, wohl kaum verdientes Glück in dieser Hinsicht wunderst – habe ich auch noch an einem dritten Ort in Pesth gemacht. Doch dieß Triumvirat (denn von drei Damen ist die Rede) genügend zu schildern, versage ich mir aus mehr als Einem Grunde. Nur so viel wisse, für deine Jugend wäre solche Nähe gefährlicher gewesen als für mich, obgleich du mich jetzt beneiden wirst, wenn du erfährst, daß zwei holde Mädchen dazu gehören, wovon die ältere mit ihren blauen Augen und seidnen Goldlocken, mit ihrer klugen Stirn, ihrer Herzensgüte und ihrem hochgebildeten Geiste, die jüngere mit dem schwarzen Haar und dem circassischen Augenpaar, das, wie über noch ungelöste Geheimnisse brütend, fast immer an dem Boden weilt, und durch seinen Aufschlag dann nur um so heftiger ergreift – die eine des Nordens Typus, die andere des Orients Blumenleben auf wunderbare Weise repräsentirt.

(Beschluß folgt.)

Spanien.

Das Tagsgespräch bilden hier noch immer die Wahlen. Die Verhaftung der Municipalität in der Coruña, welche das Wahlgesetz gegen den politischen Chef (Civilgouverneur) vertheidigen wollte, und die dadurch veranlaßte Volksbewegung und Erklärung des Belagerungsstandes haben die Stadt Coruña der Theilnahme an den Wahlen und die Progressisten einer Anzahl von 1500 Stimmen beraubt, folglich den Sieg der Moderantisten in der gleichnamigen Provinz herbeigeführt. In der Provinz Leon wollte der politische Chef eine neue Vertheilung der Wahldistricte, was doch nur der Provincialdeputation zusteht. Diese, eine der wenigen progressistischen, die es jetzt gibt, widersetzte sich, der politische Chef suspendirte die Wahlen, die Provincialdeputation ließ sie dem Buchstaben des Gesetzes nach dennoch vornehmen; zehn Districte getrauten sich nicht, der Provincialdeputation zu folgen, in den übrigen neun erhielten die Progressisten eine große Majorität, aber Niemand weiß, ob diese Wahlen gültig sind oder nicht. In mehreren Provinzen kommen ähnliche Schwierigkeiten vor. Das ganze Verfahren ist so voll von Nullitäten, und hat eine solche Verwirrung in das constitutionelle System geworfen, daß die Constitution ein bloßer Name geblieben ist und jeder in den Umständen Rath suchen wird. Die Moderantisten sind der Meinung, es wäre am besten, die drei famösen Gesetzesentwürfe über Municipaleinrichtungen, Nationalgarde und Druckfreiheit sogleich als geltend zu promulgiren, und die Discussion (wodurch sie doch erst Gesetze werden können) hinterher folgen zu lassen. Unter den Progressisten gibt es einige, welche überhaupt gegen die Wahlen protestiren und im Nothfall die Minorität nach Cuenca oder Saragossa versetzen wollen. Wahrscheinlich wird keine der beiden Parteien zu solchen Extremen schreiten; sie müssen ja doch wenigstens die Symptome des Eindrucks abwarten, welchen das unerwartete Resultat der Wahlen in den Gemüthern hervorbringen wird. Es wäre nichts Besonderes in Spanien, wenn selbst diejenigen, welche durch ihre Abstimmung dieses Resultat herbeiführten, ihr eigenes Werk verblüfft anstaunten und ausriefen: was haben wir denn da gemacht! Eben so ungewiß ist die Ministerialveränderung; die Ultramoderantisten verlangen natürlich, daß ihre Hauptkoryphäen wieder ans Ruder treten; die gegenwärtigen Minister rufen dagegen ihren so eben geleisteten Dienst und die Nothwendigkeit einer umsichtigen Politik an. Man sprach dieser Tage von dem Eintritt der HH. Isturiz, Mon und Clonard in die Ministerien des Innern, der Finanzen und des Kriegs; aber davon ist es wieder still. Man sagte auch, Isturiz widersetze sich der Beibehaltung des Zehnten. Die Wahrheit ist, daß die Moderantisten bis jetzt keinen bestimmten Plan haben, und schwerlich die Eintracht unter sich erhalten werden. Dazu kommt, daß das Ministerium nicht in dem besten Vernehmen mit Espartero steht, besonders seitdem der letztere den berufenen Aviraneta in Saragossa verhaften ließ, wo er von Madrid aus mit einer geheimen Sendung angekommen war.

Preußen.

Ein überaus interessantes und möglicherweise auch folgenreiches Naturereigniß ist die veränderte Richtung nach dem Meere, die seit einigen Wochen ein großer europäischer Strom, die Weichsel, genommen hat. Die Weichsel ist, wie Sie bereits wissen, plötzlich bei Danzig ausgeblieben, und hat sich einen nähern, bequemern Weg nach der Ostsee

*) Dieser grausame Winter, der so schnell nach einander mehrere bedeutende Personen in der österreichischen Monarchie plötzlich hinraffte, hat uns auch, wie ich so eben mit tiefem Schmerz erfahre, den Grafen Beckers entrissen.
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[0436/0012] eines allverehrten Mannes, eines wahren Chevalier sans peur et sans reproche, derengleichen in Wahrheit immer nicht häufig waren, aber nach dem neuen Gange der Welt noch seltener zu werden drohen (wie wird man z. B. künftig einen Bayard unter den Bankiers oder Industriellen classificiren? meine Einbildungskraft läßt mich dabei in Stich), und des Grafen Beckers, eines so liebenswürdigen, noch immer jugendlichen Greises, daß man sich bei seinem Anblick über das eigene Altwerden tröstet, in der Hoffnung, mit kräftigem Vorsatz auch einst einem so schönen Vorbild ähnlich werden zu können. *) Der erstgenannte Cirkel, voll Urbanität und ungezwungener Heiterkeit, ist in der Regel mannichfaltiger belebt als der zweite. Viele holde Frauen sah ich dort, bewunderte die schöne Gräfin Z....., lauschte mit Behagen der anziehenden Unterhaltung der Gräfin F....., besonders den Erzählungen vieler fast abenteuerlicher Wagnisse ihres Bruders, von denen ich schon in allen Welttheilen sprechen hörte, und die auch dir, dem kühnen Reiter, nicht unbekannt geblieben seyn werden, befestigte mich in meiner Frömmigkeit, durch die milderndsten Worte der vortrefflichen Gräfin Th..., eines der edelsten, ächt christlichen Gemüther, dessen Ausströmung die Seele erwärmt wie der Maisonne wohlthuendster Strahl, und erfreute mich endlich in den Zwischenacten, als ein in Afrika's Wüsten Verwildeter, fortwährend an der anmuthigen, harmlosen Weltgewandtheit der Hausfrau, die mit stets gleicher guter Laune jeden der Besucher zu berücksichtigen und das passende Wort für ihn zu finden wußte. Im andern Hause, wo sich die Gesellschaft jetzt mehr auf die zahlreiche Familie beschränkt, präsidirt eine Dame, welche an ausgezeichneten Eigenschaften keiner nachsteht, und in der ich noch obendrein eine Landsmännin zu verehren hatte. Wie viel Güte habe ich in diesem patriarchalischen Kreise genossen, und wie fand ich immer dort Geist und Herz gleich innig angesprochen! Gewiß, solche Erinnerungen bleiben gehaltreich für das ganze Leben, und um Freunde zu erkennen, braucht es ja nicht immer langer Zeit, oft nur der günstigen Gelegenheit und der Empfänglichkeit. Dieselbe Erfahrung – und du hast vollkommen recht, lieber Max, wenn du dich über mein gutes, wohl kaum verdientes Glück in dieser Hinsicht wunderst – habe ich auch noch an einem dritten Ort in Pesth gemacht. Doch dieß Triumvirat (denn von drei Damen ist die Rede) genügend zu schildern, versage ich mir aus mehr als Einem Grunde. Nur so viel wisse, für deine Jugend wäre solche Nähe gefährlicher gewesen als für mich, obgleich du mich jetzt beneiden wirst, wenn du erfährst, daß zwei holde Mädchen dazu gehören, wovon die ältere mit ihren blauen Augen und seidnen Goldlocken, mit ihrer klugen Stirn, ihrer Herzensgüte und ihrem hochgebildeten Geiste, die jüngere mit dem schwarzen Haar und dem circassischen Augenpaar, das, wie über noch ungelöste Geheimnisse brütend, fast immer an dem Boden weilt, und durch seinen Aufschlag dann nur um so heftiger ergreift – die eine des Nordens Typus, die andere des Orients Blumenleben auf wunderbare Weise repräsentirt. (Beschluß folgt.) Spanien. _ Madrid, 8 Febr. Das Tagsgespräch bilden hier noch immer die Wahlen. Die Verhaftung der Municipalität in der Coruña, welche das Wahlgesetz gegen den politischen Chef (Civilgouverneur) vertheidigen wollte, und die dadurch veranlaßte Volksbewegung und Erklärung des Belagerungsstandes haben die Stadt Coruña der Theilnahme an den Wahlen und die Progressisten einer Anzahl von 1500 Stimmen beraubt, folglich den Sieg der Moderantisten in der gleichnamigen Provinz herbeigeführt. In der Provinz Leon wollte der politische Chef eine neue Vertheilung der Wahldistricte, was doch nur der Provincialdeputation zusteht. Diese, eine der wenigen progressistischen, die es jetzt gibt, widersetzte sich, der politische Chef suspendirte die Wahlen, die Provincialdeputation ließ sie dem Buchstaben des Gesetzes nach dennoch vornehmen; zehn Districte getrauten sich nicht, der Provincialdeputation zu folgen, in den übrigen neun erhielten die Progressisten eine große Majorität, aber Niemand weiß, ob diese Wahlen gültig sind oder nicht. In mehreren Provinzen kommen ähnliche Schwierigkeiten vor. Das ganze Verfahren ist so voll von Nullitäten, und hat eine solche Verwirrung in das constitutionelle System geworfen, daß die Constitution ein bloßer Name geblieben ist und jeder in den Umständen Rath suchen wird. Die Moderantisten sind der Meinung, es wäre am besten, die drei famösen Gesetzesentwürfe über Municipaleinrichtungen, Nationalgarde und Druckfreiheit sogleich als geltend zu promulgiren, und die Discussion (wodurch sie doch erst Gesetze werden können) hinterher folgen zu lassen. Unter den Progressisten gibt es einige, welche überhaupt gegen die Wahlen protestiren und im Nothfall die Minorität nach Cuenca oder Saragossa versetzen wollen. Wahrscheinlich wird keine der beiden Parteien zu solchen Extremen schreiten; sie müssen ja doch wenigstens die Symptome des Eindrucks abwarten, welchen das unerwartete Resultat der Wahlen in den Gemüthern hervorbringen wird. Es wäre nichts Besonderes in Spanien, wenn selbst diejenigen, welche durch ihre Abstimmung dieses Resultat herbeiführten, ihr eigenes Werk verblüfft anstaunten und ausriefen: was haben wir denn da gemacht! Eben so ungewiß ist die Ministerialveränderung; die Ultramoderantisten verlangen natürlich, daß ihre Hauptkoryphäen wieder ans Ruder treten; die gegenwärtigen Minister rufen dagegen ihren so eben geleisteten Dienst und die Nothwendigkeit einer umsichtigen Politik an. Man sprach dieser Tage von dem Eintritt der HH. Isturiz, Mon und Clonard in die Ministerien des Innern, der Finanzen und des Kriegs; aber davon ist es wieder still. Man sagte auch, Isturiz widersetze sich der Beibehaltung des Zehnten. Die Wahrheit ist, daß die Moderantisten bis jetzt keinen bestimmten Plan haben, und schwerlich die Eintracht unter sich erhalten werden. Dazu kommt, daß das Ministerium nicht in dem besten Vernehmen mit Espartero steht, besonders seitdem der letztere den berufenen Aviraneta in Saragossa verhaften ließ, wo er von Madrid aus mit einer geheimen Sendung angekommen war. Preußen. _ Berlin, 17 Febr. Ein überaus interessantes und möglicherweise auch folgenreiches Naturereigniß ist die veränderte Richtung nach dem Meere, die seit einigen Wochen ein großer europäischer Strom, die Weichsel, genommen hat. Die Weichsel ist, wie Sie bereits wissen, plötzlich bei Danzig ausgeblieben, und hat sich einen nähern, bequemern Weg nach der Ostsee *) Dieser grausame Winter, der so schnell nach einander mehrere bedeutende Personen in der österreichischen Monarchie plötzlich hinraffte, hat uns auch, wie ich so eben mit tiefem Schmerz erfahre, den Grafen Beckers entrissen.

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Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-06-28T11:37:15Z)

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 55. Augsburg, 24. Februar 1840, S. 0436. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_055_18400224/12>, abgerufen am 06.04.2020.