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Allgemeine Zeitung. Nr. 29. Augsburg, 29. Januar 1840.

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oder es für gewisse Fälle, sey es, zu erläutern oder zu beschränken. Der Tractat mit England vom Jahr 1809 enthält die Clausel, daß, da die Pforte das Recht habe, den Kriegsschiffen, was immer für einer Macht, die Fahrt durch diesen Canal zu verbieten, England sich dieser Verfügung unterwerfe, und der Tractat von Hunkiar-Skelessi bestimmt, so viel ich weiß, auch nur, daß die Pforte sich verpflichtet, im Kriegsfall keinen den Russen feindlichen Schiffen das Einlaufen oder die Durchfahrt zu gestatten: es ist also hier nichts, als eine Erklärung der Pforte, daß sie von dem ihr zustehenden Reche in einem gegebenen Fall zum Vortheil Rußlands Gebrauch machen will, und in der That wäre Rußland, im Fall eines Kriegs mit England, auch ohne einen Tractat von Hunkiar Skelessi, berechtigt, es von Seite der Pforte als eine feindselige Handlung zu betrachten, wenn sie durch Meere, zu welchen sie den Schlüssel hat, einer englischen Flotte nach dem schwarzen Meer und nach Sebastopol zur Zerstörung der russischen See-Etablissements den Weg öffnete.

Das einzige Praktische, das der Pforte allein Heilsame ist, sie in den Fall zu setzen, daß sie sich jenes Schlußrechts gegen jede Macht bedienen kann, d. i. den Bosporus zu befestigen, wie sie die Dardanellen befestigt hat. Der Bosporus ist eben so wie jene geeignet, durch verständig angelegte Werke von größerer Ausdehnung eine auch großen Flotte unzugängliche Meerburg und das östliche Bollwerk von Konstantinopel zu werden, wie die Dardanellen sein westliches, der Balkan sein nördliches sind, und wenn früher seine Befestigung unterblieb, so war es, weil die Pforte im Alleinbesitz des euxinischen Pontus war. Warum hat keiner ihrer vielen europäischen Freunde sie bis jetzt auf die Nothwendigkeit sich gegen Osten eben so zu sichern, wie sie gegen Westen gesichert ist, hingewiesen? Warum haben noch zuletzt die preußischen Officiere sie bestimmt, viele Millionen auf die Verstärkung der Linien der Donau und des Balkan zu wenden, und den Bosporus offen zu lassen? Fürchtete man, daß Oesterreich über Donau und Balkan vorrücken werde? Gewiß nicht. Aber Rußland? Nachdem man von Sebastopol und Nokolajew den geraden Weg mit Heer und Flotte quer durch das schwarze Meer und den Bosporus nach Konstantinopel gefunden hat, wäre Thorheit, den längern und beschwerlicheren über den Balkan mit der Aussicht zu wiederholen, daß man dort von Oesterreich in den Rücken genommen würde. Braucht man von dort eine Diversion, so werden die Serbier und Wallachen bald genug disciplinirt und in das russische System verflochten seyn, um sie auf Befehl von St. Petersburg zu unternehmen, während die russische Armee zur See kommt, und im Fall des Bedürfnisses durch eine Demonstration aus Armenien über Anchora unterstützt würde. Es ist Zeit, diese strategischen Fragen endlich bestimmt in das Auge zu fassen, und statt mit Protokollen, der Pforte zunächst und ohne Aufschub mit Batterien und Schlössern am Bosporus zu Hülfe zu kommen, oder wenigstens, sie zu bestimmen, selbst die beiden Thüren ihres Hauses zuzuschließen, damit ungebetene Gäste weder zu der einen noch zu der andern hinein können.

Es ist ferner zu wünschen, daß das Verhältniß von England und Frankreich sich auf die Basis von 1832 und 33 wieder herstelle. Es gehört zu den großen Verdiensten der Rede des Hrn. Thiers, auf die Nothwendigkeit und Nützlichkeit desselben hingewiesen zu haben, ja es ist wohl ihr größtes, des praktischen Staatsmannes am meisten würdiges. Auch scheint es, daß das Cabinet der Tuilerien, über die Gefahr und die Folgen seines isolirten Ganges aufgeklärt und beunruhigt, die Partie gegen die englisch-türkischen Interessen aufgegeben hat. Vielleicht war die Rede des Hrn. Thiers selbst ein Zeichen der Rückkehr und eine Standarte der in das alte Verhältniß zurückstrebenden Bewegung. Dann wollen wir auch ohne zu genaue Nachfrage die allerdings etwas späte und schwankende Erklärung Ihres Correspondenten von Paris vom 14 Januar gegen die schweren Anschuldigungen des Londoner annehmen wie sie sind, und uns gesagt seyn lassen, Frankreich habe nach keinem Uebergewicht über England im mittelländischen Meere gestrebt, der eine Adjutant des Marschalls sey in Alexandrette geblieben, weil der andere in Konstantinopel geblieben sey, Admiral Lalande habe nicht umhin gekonnt, dem mitten im ärgsten Verrath begriffenen Kapudan Pascha, wie nicht der Dragoman, sondern der Moniteur sagt, den Rath zu geben - nicht in die Dardanellen zurück, sondern nach Rhodus zu segeln, und Admiral Roussin sey abberufen worden, weil er die Collectivnote unterzeichnet, die man gebilligt, und weil er dem Lord Ponsonby unangenehm gewesen - das Alles wollen wir, wie gesagt, hinnehmen, wie es gesagt wird, und mit Freuden darin den Weg geebnet sehen, auf welchem man dem alten Freund und Alliirten entgegenkommt, wünschend, daß es nicht zu spät sey und der Riß noch ausgebessert werde, ehe er unheilbar geworden ist. Viel wird dazu beitragen, wenn Frankreich, im Fall es sich mit Rußland, Oesterreich und England in den Maaßregeln gegen den Vicekönig nicht einigen kann, ihnen kein weiteres Hinderniß in den Weg legt, und sich mit Oesterreich auf der gleichen Linie hält, welches ebenfalls thatsächlich zu interveniren nicht entschlossen scheint.

Endlich wollen wir wünschen, daß, im Fall man genöthigt ist, die Waffen zu gebrauchen, um den Vicekönig in die früheren Gränzen zurückzuweisen, die russische Armee nicht wartet, bis Ibrahim Pascha gegen Konstantinopel zieht, um in das Feld zu rücken, sondern daß sie von Armenien aus, wo 40,000 Russen schlagfertig stehen, an dem Euphrat herab ihm entgegengerückt, während die Engländer Alexandria blokiren und Alexandrette besetzen. Dann ist Konstantipel gesichert, ohne daß eine russische Armee dort landet und ihre Erscheinung die englische oder französische Flotte in die Dardanellen zieht, um den leidigen Tractat von Hunkiar-Skelessi aufzurühren, der, wir wiederholen es, als die eigentliche petra scandali jetzt freilich umgangen oder umschifft wird. Ist man aber dahin gekommen, den Pascha zur Vernunft und zum Gehorsam zu bringen, so wird es Zeit seyn, ihm die Stärke des Heers und der Flotte, die er haben darf, vorzuschreiben, und ihn für das schöne und große Reich, das er auch dann noch beherrschen wird, unter europäische Garantie und Schutzherrlichkeit eben so wie die Pforte zu nehmen, damit beide von der unerträglichen Last einer gegen ihre Kräfte unverhältnißmäßigen Bewaffnung zu Land und Meer befreit, durch friedliche Reformen und Beschäftigungen in Sicherheit die europäische Civilisation in anderer Weise, wie bisher, unter ihren erleichterten und geschonten Völkern einführen können.

Nachschrift. Ich wollte auf die Rheinfrage der HH. Lamartine, Thiers und Consorten, d. h. auf das laut und offen ausgesprochene Verlangen der Franzosen nach dem Rhein als ihrer Gränze, die ich zu Anfang meines ersten Aufsatzes behandelte, nicht zurückkommen, aus einem Grunde, den Sie in einem der neuesten Blätter angedeutet haben, und den ich nicht ausführen mag. Es ist die Lähmung, der alle unsere öffentlichen Blätter in Bezug auf die Verhandlungen der allgemeinen deutschen Interessen verfallen sind, und die jeden Entschluß, sie in gebührender Weise zu behandeln, in Unmuth zurückhält und in der Brust erstickt - eine Lähmung oder Hemmung, deren Grund sich jeder denken mag, wie er will,


oder es für gewisse Fälle, sey es, zu erläutern oder zu beschränken. Der Tractat mit England vom Jahr 1809 enthält die Clausel, daß, da die Pforte das Recht habe, den Kriegsschiffen, was immer für einer Macht, die Fahrt durch diesen Canal zu verbieten, England sich dieser Verfügung unterwerfe, und der Tractat von Hunkiar-Skelessi bestimmt, so viel ich weiß, auch nur, daß die Pforte sich verpflichtet, im Kriegsfall keinen den Russen feindlichen Schiffen das Einlaufen oder die Durchfahrt zu gestatten: es ist also hier nichts, als eine Erklärung der Pforte, daß sie von dem ihr zustehenden Reche in einem gegebenen Fall zum Vortheil Rußlands Gebrauch machen will, und in der That wäre Rußland, im Fall eines Kriegs mit England, auch ohne einen Tractat von Hunkiar Skelessi, berechtigt, es von Seite der Pforte als eine feindselige Handlung zu betrachten, wenn sie durch Meere, zu welchen sie den Schlüssel hat, einer englischen Flotte nach dem schwarzen Meer und nach Sebastopol zur Zerstörung der russischen See-Etablissements den Weg öffnete.

Das einzige Praktische, das der Pforte allein Heilsame ist, sie in den Fall zu setzen, daß sie sich jenes Schlußrechts gegen jede Macht bedienen kann, d. i. den Bosporus zu befestigen, wie sie die Dardanellen befestigt hat. Der Bosporus ist eben so wie jene geeignet, durch verständig angelegte Werke von größerer Ausdehnung eine auch großen Flotte unzugängliche Meerburg und das östliche Bollwerk von Konstantinopel zu werden, wie die Dardanellen sein westliches, der Balkan sein nördliches sind, und wenn früher seine Befestigung unterblieb, so war es, weil die Pforte im Alleinbesitz des euxinischen Pontus war. Warum hat keiner ihrer vielen europäischen Freunde sie bis jetzt auf die Nothwendigkeit sich gegen Osten eben so zu sichern, wie sie gegen Westen gesichert ist, hingewiesen? Warum haben noch zuletzt die preußischen Officiere sie bestimmt, viele Millionen auf die Verstärkung der Linien der Donau und des Balkan zu wenden, und den Bosporus offen zu lassen? Fürchtete man, daß Oesterreich über Donau und Balkan vorrücken werde? Gewiß nicht. Aber Rußland? Nachdem man von Sebastopol und Nokolajew den geraden Weg mit Heer und Flotte quer durch das schwarze Meer und den Bosporus nach Konstantinopel gefunden hat, wäre Thorheit, den längern und beschwerlicheren über den Balkan mit der Aussicht zu wiederholen, daß man dort von Oesterreich in den Rücken genommen würde. Braucht man von dort eine Diversion, so werden die Serbier und Wallachen bald genug disciplinirt und in das russische System verflochten seyn, um sie auf Befehl von St. Petersburg zu unternehmen, während die russische Armee zur See kommt, und im Fall des Bedürfnisses durch eine Demonstration aus Armenien über Anchora unterstützt würde. Es ist Zeit, diese strategischen Fragen endlich bestimmt in das Auge zu fassen, und statt mit Protokollen, der Pforte zunächst und ohne Aufschub mit Batterien und Schlössern am Bosporus zu Hülfe zu kommen, oder wenigstens, sie zu bestimmen, selbst die beiden Thüren ihres Hauses zuzuschließen, damit ungebetene Gäste weder zu der einen noch zu der andern hinein können.

Es ist ferner zu wünschen, daß das Verhältniß von England und Frankreich sich auf die Basis von 1832 und 33 wieder herstelle. Es gehört zu den großen Verdiensten der Rede des Hrn. Thiers, auf die Nothwendigkeit und Nützlichkeit desselben hingewiesen zu haben, ja es ist wohl ihr größtes, des praktischen Staatsmannes am meisten würdiges. Auch scheint es, daß das Cabinet der Tuilerien, über die Gefahr und die Folgen seines isolirten Ganges aufgeklärt und beunruhigt, die Partie gegen die englisch-türkischen Interessen aufgegeben hat. Vielleicht war die Rede des Hrn. Thiers selbst ein Zeichen der Rückkehr und eine Standarte der in das alte Verhältniß zurückstrebenden Bewegung. Dann wollen wir auch ohne zu genaue Nachfrage die allerdings etwas späte und schwankende Erklärung Ihres Correspondenten ✠ von Paris vom 14 Januar gegen die schweren Anschuldigungen des Londoner annehmen wie sie sind, und uns gesagt seyn lassen, Frankreich habe nach keinem Uebergewicht über England im mittelländischen Meere gestrebt, der eine Adjutant des Marschalls sey in Alexandrette geblieben, weil der andere in Konstantinopel geblieben sey, Admiral Lalande habe nicht umhin gekonnt, dem mitten im ärgsten Verrath begriffenen Kapudan Pascha, wie nicht der Dragoman, sondern der Moniteur sagt, den Rath zu geben – nicht in die Dardanellen zurück, sondern nach Rhodus zu segeln, und Admiral Roussin sey abberufen worden, weil er die Collectivnote unterzeichnet, die man gebilligt, und weil er dem Lord Ponsonby unangenehm gewesen – das Alles wollen wir, wie gesagt, hinnehmen, wie es gesagt wird, und mit Freuden darin den Weg geebnet sehen, auf welchem man dem alten Freund und Alliirten entgegenkommt, wünschend, daß es nicht zu spät sey und der Riß noch ausgebessert werde, ehe er unheilbar geworden ist. Viel wird dazu beitragen, wenn Frankreich, im Fall es sich mit Rußland, Oesterreich und England in den Maaßregeln gegen den Vicekönig nicht einigen kann, ihnen kein weiteres Hinderniß in den Weg legt, und sich mit Oesterreich auf der gleichen Linie hält, welches ebenfalls thatsächlich zu interveniren nicht entschlossen scheint.

Endlich wollen wir wünschen, daß, im Fall man genöthigt ist, die Waffen zu gebrauchen, um den Vicekönig in die früheren Gränzen zurückzuweisen, die russische Armee nicht wartet, bis Ibrahim Pascha gegen Konstantinopel zieht, um in das Feld zu rücken, sondern daß sie von Armenien aus, wo 40,000 Russen schlagfertig stehen, an dem Euphrat herab ihm entgegengerückt, während die Engländer Alexandria blokiren und Alexandrette besetzen. Dann ist Konstantipel gesichert, ohne daß eine russische Armee dort landet und ihre Erscheinung die englische oder französische Flotte in die Dardanellen zieht, um den leidigen Tractat von Hunkiar-Skelessi aufzurühren, der, wir wiederholen es, als die eigentliche petra scandali jetzt freilich umgangen oder umschifft wird. Ist man aber dahin gekommen, den Pascha zur Vernunft und zum Gehorsam zu bringen, so wird es Zeit seyn, ihm die Stärke des Heers und der Flotte, die er haben darf, vorzuschreiben, und ihn für das schöne und große Reich, das er auch dann noch beherrschen wird, unter europäische Garantie und Schutzherrlichkeit eben so wie die Pforte zu nehmen, damit beide von der unerträglichen Last einer gegen ihre Kräfte unverhältnißmäßigen Bewaffnung zu Land und Meer befreit, durch friedliche Reformen und Beschäftigungen in Sicherheit die europäische Civilisation in anderer Weise, wie bisher, unter ihren erleichterten und geschonten Völkern einführen können.

Nachschrift. Ich wollte auf die Rheinfrage der HH. Lamartine, Thiers und Consorten, d. h. auf das laut und offen ausgesprochene Verlangen der Franzosen nach dem Rhein als ihrer Gränze, die ich zu Anfang meines ersten Aufsatzes behandelte, nicht zurückkommen, aus einem Grunde, den Sie in einem der neuesten Blätter angedeutet haben, und den ich nicht ausführen mag. Es ist die Lähmung, der alle unsere öffentlichen Blätter in Bezug auf die Verhandlungen der allgemeinen deutschen Interessen verfallen sind, und die jeden Entschluß, sie in gebührender Weise zu behandeln, in Unmuth zurückhält und in der Brust erstickt – eine Lähmung oder Hemmung, deren Grund sich jeder denken mag, wie er will,

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              <p>Es ist ferner zu wünschen, daß das Verhältniß von England und Frankreich sich auf die Basis von 1832 und 33 wieder herstelle. Es gehört zu den großen Verdiensten der Rede des Hrn. Thiers, auf die Nothwendigkeit und Nützlichkeit desselben hingewiesen zu haben, ja es ist wohl ihr größtes, des praktischen Staatsmannes am meisten würdiges. Auch scheint es, daß das Cabinet der Tuilerien, über die Gefahr und die Folgen seines isolirten Ganges aufgeklärt und beunruhigt, die Partie gegen die englisch-türkischen Interessen aufgegeben hat. Vielleicht war die Rede des Hrn. Thiers selbst ein Zeichen der Rückkehr und eine Standarte der in das alte Verhältniß zurückstrebenden Bewegung. Dann wollen wir auch ohne zu genaue Nachfrage die allerdings etwas späte und schwankende Erklärung Ihres Correspondenten &#x2720; von Paris vom 14 Januar gegen die schweren Anschuldigungen des Londoner annehmen wie sie sind, und uns gesagt seyn lassen, Frankreich habe nach keinem Uebergewicht über England im mittelländischen Meere gestrebt, der eine Adjutant des Marschalls sey in Alexandrette geblieben, weil der andere in Konstantinopel geblieben sey, Admiral Lalande habe nicht umhin gekonnt, dem mitten im ärgsten Verrath begriffenen Kapudan Pascha, wie nicht der Dragoman, sondern der Moniteur sagt, den Rath zu geben &#x2013; nicht in die Dardanellen zurück, sondern nach Rhodus zu segeln, und Admiral Roussin sey abberufen worden, weil er die Collectivnote unterzeichnet, die man gebilligt, und weil er dem Lord Ponsonby unangenehm gewesen &#x2013; das Alles wollen wir, wie gesagt, hinnehmen, wie es gesagt wird, und mit Freuden darin den Weg geebnet sehen, auf welchem man dem alten Freund und Alliirten entgegenkommt, wünschend, daß es nicht zu spät sey und der Riß noch ausgebessert werde, ehe er unheilbar geworden ist. Viel wird dazu beitragen, wenn Frankreich, im Fall es sich mit Rußland, Oesterreich und England in den Maaßregeln gegen den Vicekönig nicht einigen kann, ihnen kein weiteres Hinderniß in den Weg legt, und sich mit Oesterreich auf der gleichen Linie hält, welches ebenfalls thatsächlich zu interveniren nicht entschlossen scheint.</p><lb/>
              <p>Endlich wollen wir wünschen, daß, im Fall man genöthigt ist, die Waffen zu gebrauchen, um den Vicekönig in die früheren Gränzen zurückzuweisen, die russische Armee nicht wartet, bis Ibrahim Pascha gegen Konstantinopel zieht, um in das Feld zu rücken, sondern daß sie von Armenien aus, wo 40,000 Russen schlagfertig stehen, an dem Euphrat herab ihm entgegengerückt, während die Engländer Alexandria blokiren und Alexandrette besetzen. Dann ist Konstantipel gesichert, ohne daß eine russische Armee dort landet und ihre Erscheinung die englische oder französische Flotte in die Dardanellen zieht, um den leidigen Tractat von Hunkiar-Skelessi aufzurühren, der, wir wiederholen es, als die eigentliche petra scandali jetzt freilich umgangen oder umschifft wird. Ist man aber dahin gekommen, den Pascha zur Vernunft und zum Gehorsam zu bringen, so wird es Zeit seyn, ihm die Stärke des Heers und der Flotte, die er haben darf, vorzuschreiben, und ihn für das schöne und große Reich, das er auch dann noch beherrschen wird, unter europäische Garantie und Schutzherrlichkeit eben so wie die Pforte zu nehmen, damit beide von der unerträglichen Last einer gegen ihre Kräfte unverhältnißmäßigen Bewaffnung zu Land und Meer befreit, durch friedliche Reformen und Beschäftigungen in Sicherheit die europäische Civilisation in anderer Weise, wie bisher, unter ihren erleichterten und geschonten Völkern einführen können.</p><lb/>
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[0226/0008] oder es für gewisse Fälle, sey es, zu erläutern oder zu beschränken. Der Tractat mit England vom Jahr 1809 enthält die Clausel, daß, da die Pforte das Recht habe, den Kriegsschiffen, was immer für einer Macht, die Fahrt durch diesen Canal zu verbieten, England sich dieser Verfügung unterwerfe, und der Tractat von Hunkiar-Skelessi bestimmt, so viel ich weiß, auch nur, daß die Pforte sich verpflichtet, im Kriegsfall keinen den Russen feindlichen Schiffen das Einlaufen oder die Durchfahrt zu gestatten: es ist also hier nichts, als eine Erklärung der Pforte, daß sie von dem ihr zustehenden Reche in einem gegebenen Fall zum Vortheil Rußlands Gebrauch machen will, und in der That wäre Rußland, im Fall eines Kriegs mit England, auch ohne einen Tractat von Hunkiar Skelessi, berechtigt, es von Seite der Pforte als eine feindselige Handlung zu betrachten, wenn sie durch Meere, zu welchen sie den Schlüssel hat, einer englischen Flotte nach dem schwarzen Meer und nach Sebastopol zur Zerstörung der russischen See-Etablissements den Weg öffnete. Das einzige Praktische, das der Pforte allein Heilsame ist, sie in den Fall zu setzen, daß sie sich jenes Schlußrechts gegen jede Macht bedienen kann, d. i. den Bosporus zu befestigen, wie sie die Dardanellen befestigt hat. Der Bosporus ist eben so wie jene geeignet, durch verständig angelegte Werke von größerer Ausdehnung eine auch großen Flotte unzugängliche Meerburg und das östliche Bollwerk von Konstantinopel zu werden, wie die Dardanellen sein westliches, der Balkan sein nördliches sind, und wenn früher seine Befestigung unterblieb, so war es, weil die Pforte im Alleinbesitz des euxinischen Pontus war. Warum hat keiner ihrer vielen europäischen Freunde sie bis jetzt auf die Nothwendigkeit sich gegen Osten eben so zu sichern, wie sie gegen Westen gesichert ist, hingewiesen? Warum haben noch zuletzt die preußischen Officiere sie bestimmt, viele Millionen auf die Verstärkung der Linien der Donau und des Balkan zu wenden, und den Bosporus offen zu lassen? Fürchtete man, daß Oesterreich über Donau und Balkan vorrücken werde? Gewiß nicht. Aber Rußland? Nachdem man von Sebastopol und Nokolajew den geraden Weg mit Heer und Flotte quer durch das schwarze Meer und den Bosporus nach Konstantinopel gefunden hat, wäre Thorheit, den längern und beschwerlicheren über den Balkan mit der Aussicht zu wiederholen, daß man dort von Oesterreich in den Rücken genommen würde. Braucht man von dort eine Diversion, so werden die Serbier und Wallachen bald genug disciplinirt und in das russische System verflochten seyn, um sie auf Befehl von St. Petersburg zu unternehmen, während die russische Armee zur See kommt, und im Fall des Bedürfnisses durch eine Demonstration aus Armenien über Anchora unterstützt würde. Es ist Zeit, diese strategischen Fragen endlich bestimmt in das Auge zu fassen, und statt mit Protokollen, der Pforte zunächst und ohne Aufschub mit Batterien und Schlössern am Bosporus zu Hülfe zu kommen, oder wenigstens, sie zu bestimmen, selbst die beiden Thüren ihres Hauses zuzuschließen, damit ungebetene Gäste weder zu der einen noch zu der andern hinein können. Es ist ferner zu wünschen, daß das Verhältniß von England und Frankreich sich auf die Basis von 1832 und 33 wieder herstelle. Es gehört zu den großen Verdiensten der Rede des Hrn. Thiers, auf die Nothwendigkeit und Nützlichkeit desselben hingewiesen zu haben, ja es ist wohl ihr größtes, des praktischen Staatsmannes am meisten würdiges. Auch scheint es, daß das Cabinet der Tuilerien, über die Gefahr und die Folgen seines isolirten Ganges aufgeklärt und beunruhigt, die Partie gegen die englisch-türkischen Interessen aufgegeben hat. Vielleicht war die Rede des Hrn. Thiers selbst ein Zeichen der Rückkehr und eine Standarte der in das alte Verhältniß zurückstrebenden Bewegung. Dann wollen wir auch ohne zu genaue Nachfrage die allerdings etwas späte und schwankende Erklärung Ihres Correspondenten ✠ von Paris vom 14 Januar gegen die schweren Anschuldigungen des Londoner annehmen wie sie sind, und uns gesagt seyn lassen, Frankreich habe nach keinem Uebergewicht über England im mittelländischen Meere gestrebt, der eine Adjutant des Marschalls sey in Alexandrette geblieben, weil der andere in Konstantinopel geblieben sey, Admiral Lalande habe nicht umhin gekonnt, dem mitten im ärgsten Verrath begriffenen Kapudan Pascha, wie nicht der Dragoman, sondern der Moniteur sagt, den Rath zu geben – nicht in die Dardanellen zurück, sondern nach Rhodus zu segeln, und Admiral Roussin sey abberufen worden, weil er die Collectivnote unterzeichnet, die man gebilligt, und weil er dem Lord Ponsonby unangenehm gewesen – das Alles wollen wir, wie gesagt, hinnehmen, wie es gesagt wird, und mit Freuden darin den Weg geebnet sehen, auf welchem man dem alten Freund und Alliirten entgegenkommt, wünschend, daß es nicht zu spät sey und der Riß noch ausgebessert werde, ehe er unheilbar geworden ist. Viel wird dazu beitragen, wenn Frankreich, im Fall es sich mit Rußland, Oesterreich und England in den Maaßregeln gegen den Vicekönig nicht einigen kann, ihnen kein weiteres Hinderniß in den Weg legt, und sich mit Oesterreich auf der gleichen Linie hält, welches ebenfalls thatsächlich zu interveniren nicht entschlossen scheint. Endlich wollen wir wünschen, daß, im Fall man genöthigt ist, die Waffen zu gebrauchen, um den Vicekönig in die früheren Gränzen zurückzuweisen, die russische Armee nicht wartet, bis Ibrahim Pascha gegen Konstantinopel zieht, um in das Feld zu rücken, sondern daß sie von Armenien aus, wo 40,000 Russen schlagfertig stehen, an dem Euphrat herab ihm entgegengerückt, während die Engländer Alexandria blokiren und Alexandrette besetzen. Dann ist Konstantipel gesichert, ohne daß eine russische Armee dort landet und ihre Erscheinung die englische oder französische Flotte in die Dardanellen zieht, um den leidigen Tractat von Hunkiar-Skelessi aufzurühren, der, wir wiederholen es, als die eigentliche petra scandali jetzt freilich umgangen oder umschifft wird. Ist man aber dahin gekommen, den Pascha zur Vernunft und zum Gehorsam zu bringen, so wird es Zeit seyn, ihm die Stärke des Heers und der Flotte, die er haben darf, vorzuschreiben, und ihn für das schöne und große Reich, das er auch dann noch beherrschen wird, unter europäische Garantie und Schutzherrlichkeit eben so wie die Pforte zu nehmen, damit beide von der unerträglichen Last einer gegen ihre Kräfte unverhältnißmäßigen Bewaffnung zu Land und Meer befreit, durch friedliche Reformen und Beschäftigungen in Sicherheit die europäische Civilisation in anderer Weise, wie bisher, unter ihren erleichterten und geschonten Völkern einführen können. Nachschrift. Ich wollte auf die Rheinfrage der HH. Lamartine, Thiers und Consorten, d. h. auf das laut und offen ausgesprochene Verlangen der Franzosen nach dem Rhein als ihrer Gränze, die ich zu Anfang meines ersten Aufsatzes behandelte, nicht zurückkommen, aus einem Grunde, den Sie in einem der neuesten Blätter angedeutet haben, und den ich nicht ausführen mag. Es ist die Lähmung, der alle unsere öffentlichen Blätter in Bezug auf die Verhandlungen der allgemeinen deutschen Interessen verfallen sind, und die jeden Entschluß, sie in gebührender Weise zu behandeln, in Unmuth zurückhält und in der Brust erstickt – eine Lähmung oder Hemmung, deren Grund sich jeder denken mag, wie er will,

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 29. Augsburg, 29. Januar 1840, S. 0226. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_029_18400129/8>, abgerufen am 20.09.2020.