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Aston, Louise: Aus dem Leben einer Frau. Hamburg, 1847.

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schriebene Blatt mit bedeutungsvollen Zeichen, über das die Ahnung hinaus in die unbestimmte Ferne zog! Dies Buch war geschlossen auf immer; das Evangelium ihrer Jugend durfte nur noch in der Erinnerung leben! "O, könnte ich weinen!" seufzt sie, und schlägt mechanisch einige Töne auf der Harfe an, als könnte sie dadurch eine mildere Stimmung heraufbeschwören, und bewußtlos geht sie dann in eine ihr unendlich theuere Melodie über. Diese Töne versetzen sie außer sich; ihr ganzer Körper zittert krampfhaft; jede Fiber bebt; ihr Wesen ist im Innersten erschüttert -- und doch bleibt das Auge trocken; keine Thräne kühlt die innere, verzehrende Glut. Noch einmal faltet sie ihre Hände zum Gebet -- dann springt sie unheimlich rasch auf, und ruft: "Beten kann ich nicht -- wohlan so will ich fluchen. Es giebt keinen Gott der Liebe; warum leide ich sonst: Wenn die Gnade des Himmels nicht allgemein ist, wie sein Regen und sein Sonnenschein; wenn sie nicht auch zu mir und meinen Schmerzen segnend herniedersteigt: dann ist sie ja nichts, als ein Traum der Glücklichen,

schriebene Blatt mit bedeutungsvollen Zeichen, über das die Ahnung hinaus in die unbestimmte Ferne zog! Dies Buch war geschlossen auf immer; das Evangelium ihrer Jugend durfte nur noch in der Erinnerung leben! „O, könnte ich weinen!“ seufzt sie, und schlägt mechanisch einige Töne auf der Harfe an, als könnte sie dadurch eine mildere Stimmung heraufbeschwören, und bewußtlos geht sie dann in eine ihr unendlich theuere Melodie über. Diese Töne versetzen sie außer sich; ihr ganzer Körper zittert krampfhaft; jede Fiber bebt; ihr Wesen ist im Innersten erschüttert — und doch bleibt das Auge trocken; keine Thräne kühlt die innere, verzehrende Glut. Noch einmal faltet sie ihre Hände zum Gebet — dann springt sie unheimlich rasch auf, und ruft: „Beten kann ich nicht — wohlan so will ich fluchen. Es giebt keinen Gott der Liebe; warum leide ich sonst: Wenn die Gnade des Himmels nicht allgemein ist, wie sein Regen und sein Sonnenschein; wenn sie nicht auch zu mir und meinen Schmerzen segnend herniedersteigt: dann ist sie ja nichts, als ein Traum der Glücklichen,

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[26/0038] schriebene Blatt mit bedeutungsvollen Zeichen, über das die Ahnung hinaus in die unbestimmte Ferne zog! Dies Buch war geschlossen auf immer; das Evangelium ihrer Jugend durfte nur noch in der Erinnerung leben! „O, könnte ich weinen!“ seufzt sie, und schlägt mechanisch einige Töne auf der Harfe an, als könnte sie dadurch eine mildere Stimmung heraufbeschwören, und bewußtlos geht sie dann in eine ihr unendlich theuere Melodie über. Diese Töne versetzen sie außer sich; ihr ganzer Körper zittert krampfhaft; jede Fiber bebt; ihr Wesen ist im Innersten erschüttert — und doch bleibt das Auge trocken; keine Thräne kühlt die innere, verzehrende Glut. Noch einmal faltet sie ihre Hände zum Gebet — dann springt sie unheimlich rasch auf, und ruft: „Beten kann ich nicht — wohlan so will ich fluchen. Es giebt keinen Gott der Liebe; warum leide ich sonst: Wenn die Gnade des Himmels nicht allgemein ist, wie sein Regen und sein Sonnenschein; wenn sie nicht auch zu mir und meinen Schmerzen segnend herniedersteigt: dann ist sie ja nichts, als ein Traum der Glücklichen,

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Zitationshilfe: Aston, Louise: Aus dem Leben einer Frau. Hamburg, 1847, S. 26. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/aston_leben_1847/38>, abgerufen am 30.09.2020.