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Aston, Louise: Aus dem Leben einer Frau. Hamburg, 1847.

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Während dieses Gesprächs verweilte die Heldinn unserer Erzählung allein in dem stillen, freundlichen Gemach, in welchem wir ihre erste Bekanntschaft gemacht haben. Ihr Auge haftet unverwandt auf der Stelle, wo am Morgen der alte Vater den Fluch über sie ausgesprochen. Sie wirft sich auf die Kniee, faltet die Hände und will beten; doch ihr fehlen die Worte -- sie kann es nicht; ihr Elend ist zu groß selbst für die Gnade des Himmels. Thränenlos sieht sie sich um in den unbegränzten Räumen, die sie seit frühester Jugend bewohnt. Hier hatte sie ein kurzes, ideales Liebesglück genossen; und durch die Reihe der Jahre hindurch verfolgte sie träumerisch alle Wünsche und Hoffnungen, die hier in traulicher Dämmerstunde ihre Brust geschwellt. Nun lag alles hinter ihr -- abgeschlossen, ein Paradies, aus dem sie verbannt war. Sie blätterte in dem Buch dieser schönen Vergangenheit, in welches das Leben noch nicht seine ehernen Lettern geprägt! Noch war es ein Stammbuch voll duftiger, zarter Blätter, Blumen der Freundschaft und Liebe; auch manches unbeschriebene

Während dieses Gesprächs verweilte die Heldinn unserer Erzählung allein in dem stillen, freundlichen Gemach, in welchem wir ihre erste Bekanntschaft gemacht haben. Ihr Auge haftet unverwandt auf der Stelle, wo am Morgen der alte Vater den Fluch über sie ausgesprochen. Sie wirft sich auf die Kniee, faltet die Hände und will beten; doch ihr fehlen die Worte — sie kann es nicht; ihr Elend ist zu groß selbst für die Gnade des Himmels. Thränenlos sieht sie sich um in den unbegränzten Räumen, die sie seit frühester Jugend bewohnt. Hier hatte sie ein kurzes, ideales Liebesglück genossen; und durch die Reihe der Jahre hindurch verfolgte sie träumerisch alle Wünsche und Hoffnungen, die hier in traulicher Dämmerstunde ihre Brust geschwellt. Nun lag alles hinter ihr — abgeschlossen, ein Paradies, aus dem sie verbannt war. Sie blätterte in dem Buch dieser schönen Vergangenheit, in welches das Leben noch nicht seine ehernen Lettern geprägt! Noch war es ein Stammbuch voll duftiger, zarter Blätter, Blumen der Freundschaft und Liebe; auch manches unbeschriebene

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[25/0037] Während dieses Gesprächs verweilte die Heldinn unserer Erzählung allein in dem stillen, freundlichen Gemach, in welchem wir ihre erste Bekanntschaft gemacht haben. Ihr Auge haftet unverwandt auf der Stelle, wo am Morgen der alte Vater den Fluch über sie ausgesprochen. Sie wirft sich auf die Kniee, faltet die Hände und will beten; doch ihr fehlen die Worte — sie kann es nicht; ihr Elend ist zu groß selbst für die Gnade des Himmels. Thränenlos sieht sie sich um in den unbegränzten Räumen, die sie seit frühester Jugend bewohnt. Hier hatte sie ein kurzes, ideales Liebesglück genossen; und durch die Reihe der Jahre hindurch verfolgte sie träumerisch alle Wünsche und Hoffnungen, die hier in traulicher Dämmerstunde ihre Brust geschwellt. Nun lag alles hinter ihr — abgeschlossen, ein Paradies, aus dem sie verbannt war. Sie blätterte in dem Buch dieser schönen Vergangenheit, in welches das Leben noch nicht seine ehernen Lettern geprägt! Noch war es ein Stammbuch voll duftiger, zarter Blätter, Blumen der Freundschaft und Liebe; auch manches unbeschriebene

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Zitationshilfe: Aston, Louise: Aus dem Leben einer Frau. Hamburg, 1847, S. 25. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/aston_leben_1847/37>, abgerufen am 30.09.2020.