Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Aston, Louise: Aus dem Leben einer Frau. Hamburg, 1847.

Bild:
<< vorherige Seite

seiner Rede war -- sie hatte es überhört; und nur die Worte: "er wird zum Leben zurückkehren, freudig aufgefaßt und ihrem Gedächtniß eingeprägt. Sorgsam nahm sie ihre Hand aus der kalten Hand des Greises, schlich leise in eine Ecke des Zimmers, wo die Tochter lang ausgestreckt auf dem Estrichboden lag. Segnend legte sie die Hand auf des Mädchens Haupt, und sprach weich: Johanna, mein Kind, wache auf! Dein Vater wird nicht sterben -- Gott ist uns gnädig! Er läßt diesen Kelch an Dir vorübergehen. Doch bete, bete, Kind, daß auch die Lippen noch den Fluch zurücknehmen, den sie über Dich ausgesprochen; denn Vaterfluch ist eine schmerzliche Mitgift für's Leben." Mit irren Mienen richtete sich das junge Mädchen auf, strich sich die ungeordneten, thränenfeuchten Locken von der Stirn, und erwiederte klanglos: "Was soll ich thun, Mutter? Soll ich beten -- soll ich heute noch Oburns Weib werden? Mein Muth, mein Herz ist gebrochen. Dieser unselige Morgen hat mich willenlos gemacht. Ich bin bereit -- laß' die Hochzeitglocken läuten -- flicht mir den Brautkranz!" Zitternd an allen Gliedern sank sie zurück in ihren Stumpfsinn;

seiner Rede war — sie hatte es überhört; und nur die Worte: „er wird zum Leben zurückkehren, freudig aufgefaßt und ihrem Gedächtniß eingeprägt. Sorgsam nahm sie ihre Hand aus der kalten Hand des Greises, schlich leise in eine Ecke des Zimmers, wo die Tochter lang ausgestreckt auf dem Estrichboden lag. Segnend legte sie die Hand auf des Mädchens Haupt, und sprach weich: Johanna, mein Kind, wache auf! Dein Vater wird nicht sterben — Gott ist uns gnädig! Er läßt diesen Kelch an Dir vorübergehen. Doch bete, bete, Kind, daß auch die Lippen noch den Fluch zurücknehmen, den sie über Dich ausgesprochen; denn Vaterfluch ist eine schmerzliche Mitgift für's Leben.“ Mit irren Mienen richtete sich das junge Mädchen auf, strich sich die ungeordneten, thränenfeuchten Locken von der Stirn, und erwiederte klanglos: „Was soll ich thun, Mutter? Soll ich beten — soll ich heute noch Oburns Weib werden? Mein Muth, mein Herz ist gebrochen. Dieser unselige Morgen hat mich willenlos gemacht. Ich bin bereit — laß' die Hochzeitglocken läuten — flicht mir den Brautkranz!“ Zitternd an allen Gliedern sank sie zurück in ihren Stumpfsinn;

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0029" n="17"/>
seiner Rede war &#x2014; sie hatte es                     überhört; und nur die Worte: &#x201E;er wird zum Leben zurückkehren, freudig aufgefaßt                     und ihrem Gedächtniß eingeprägt. Sorgsam nahm sie ihre Hand aus der kalten Hand                     des Greises, schlich leise in eine Ecke des Zimmers, wo die Tochter lang                     ausgestreckt auf dem Estrichboden lag. Segnend legte sie die Hand auf des                     Mädchens Haupt, und sprach weich: Johanna, mein Kind, wache auf! Dein Vater wird                     nicht sterben &#x2014; Gott ist uns gnädig! Er läßt diesen Kelch an Dir vorübergehen.                     Doch bete, bete, Kind, daß auch die Lippen noch den Fluch zurücknehmen, den sie                     über Dich ausgesprochen; denn Vaterfluch ist eine schmerzliche Mitgift für's                     Leben.&#x201C; Mit irren Mienen richtete sich das junge Mädchen auf, strich sich die                     ungeordneten, thränenfeuchten Locken von der Stirn, und erwiederte klanglos:                     &#x201E;Was soll ich thun, Mutter? Soll ich beten &#x2014; soll ich heute noch Oburns Weib                     werden? Mein Muth, mein Herz ist gebrochen. Dieser unselige Morgen hat mich                     willenlos gemacht. Ich bin bereit &#x2014; laß' die Hochzeitglocken läuten &#x2014; flicht mir                     den Brautkranz!&#x201C; Zitternd an allen Gliedern sank sie zurück in ihren                         Stumpfsinn;
</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[17/0029] seiner Rede war — sie hatte es überhört; und nur die Worte: „er wird zum Leben zurückkehren, freudig aufgefaßt und ihrem Gedächtniß eingeprägt. Sorgsam nahm sie ihre Hand aus der kalten Hand des Greises, schlich leise in eine Ecke des Zimmers, wo die Tochter lang ausgestreckt auf dem Estrichboden lag. Segnend legte sie die Hand auf des Mädchens Haupt, und sprach weich: Johanna, mein Kind, wache auf! Dein Vater wird nicht sterben — Gott ist uns gnädig! Er läßt diesen Kelch an Dir vorübergehen. Doch bete, bete, Kind, daß auch die Lippen noch den Fluch zurücknehmen, den sie über Dich ausgesprochen; denn Vaterfluch ist eine schmerzliche Mitgift für's Leben.“ Mit irren Mienen richtete sich das junge Mädchen auf, strich sich die ungeordneten, thränenfeuchten Locken von der Stirn, und erwiederte klanglos: „Was soll ich thun, Mutter? Soll ich beten — soll ich heute noch Oburns Weib werden? Mein Muth, mein Herz ist gebrochen. Dieser unselige Morgen hat mich willenlos gemacht. Ich bin bereit — laß' die Hochzeitglocken läuten — flicht mir den Brautkranz!“ Zitternd an allen Gliedern sank sie zurück in ihren Stumpfsinn;

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Sophie - A Digital Library of Works by German-Speaking Women: Bereitstellung der Texttranskription und Auszeichnung in der Syntax von "Sophie". (2013-03-13T15:54:31Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme entsprechen muss.
Heinrich Heine Universität Düsseldorf: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2013-03-13T15:54:31Z)
Frederike Neuber: Konvertierung nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat. (2013-03-13T15:54:31Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • Wird ein Wort durch einen Seitenumbruch getrennt, so wird es vollständig auf der vorhergehenden Seite übernommen.
  • Silbentrennungen über Zeilengrenzen hinweg werden aufgelöst.
  • Der Zeilenfall wurde aufgehoben, die Absätze beibehalten.
  • Die Majuskel J im Frakturdruck wird in der Transkription je nach Lautwert als I bzw. J wiedergegeben.
  • Langes s (ſ) wird als rundes s (s) wiedergegeben.
  • Übergeschriebenes „e“ über „a“, „o“ und „u“ wird als „ä“, „ö“, „ü“ transkribiert.



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/aston_leben_1847
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/aston_leben_1847/29
Zitationshilfe: Aston, Louise: Aus dem Leben einer Frau. Hamburg, 1847, S. 17. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/aston_leben_1847/29>, abgerufen am 30.09.2020.