Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Altmann, Richard: Die Elementarorganismen und ihre Beziehungen zu den Zellen. Leipzig, 1890.

Bild:
<< vorherige Seite

Die Methoden der Granulauntersuchung.
Balsam das Wasser entfernen sollen, extrahirt. Wird jedoch
das lebende Organ durch das Gefrieren sofort fixirt, so tritt
beim Trocknen desselben unterhalb der kritischen Temperatur
eine Veränderung der vitalen Farbstoffreaction nicht ein, und
ist das Gewebe erst trocken, so kann es ohne Nachtheil für die
Farbstoffverbindungen mit Paraffin durchtränkt, geschnitten, mit
Xylol gewaschen und in Balsam eingeschlossen werden; man
erhält so Dauerpräparate, welche den besten Vergrösserungen
zugänglich sind.

Auch abgesehen von seiner Verwendung für morphologische
Zwecke dürfte das Ausfrieren unterhalb der kritischen Tempe¬
ratur nützlich sein. Indem wir z. B. ein lebendes Organ, statt
es absterben zu lassen, acut gefrieren machen, gewinnen wir
durch jene Methode die Möglichkeit, eine Substanz in trockner
Pulverform vor uns zu haben, die wir in einem Zustande direkt
angreifen können, welcher sich von dem des Lebens nur durch
die Abwesenheit des Wassers unterscheidet. Was wir aus den
durch das Absterben veränderten wasserhaltigen Organen ex¬
trahiren, mag als Zersetzungsprodukte der lebenden Substanz
gewiss von Werth sein; vielleicht ist es aber durch jene Methode
zu erreichen, nicht nur chemisch, sondern biochemisch vor¬
zugehen, abgesehen von den Vorzügen, welche auch sonst
in der späteren Handlicheit und Sauberkeit des Verfahrens
liegen.

Es mag noch darauf hingewiesen werden, dass in dem Aus¬
frieren der Gewebe unterhalb der kritischen Temperatur endlich
auch ein Mittel gefunden zu sein scheint, um die von Naegeli
geschaffenen Anschauungen über die micellare Natur der orga¬
nisirten Substanz einer experimentellen Prüfung zu unterziehen.
Diese Micellartheorie wird augenscheinlich die Grundlage der
Erwägungen zu bilden haben, wenn es sich darum handeln
wird, die lebendigen Vorgänge durch Gesetze der Mikrophysik
zu erklären; sie basirt in Ihrem ganzen Wesen aber auf den
Vorstellungen über den Gegensatz des wasserhaltigen und wasser¬
freien Zustandes der organisirten Substanz. Gelingt es nun, wie
dieses augenscheinlich bei der Ausfriermethode der Fall ist, den
wasserfreien Zustand herzustellen, ohne die Organisation zu
stören, und so die Micellen trotz des Wasserverlustes in ihrem

Die Methoden der Granulauntersuchung.
Balsam das Wasser entfernen sollen, extrahirt. Wird jedoch
das lebende Organ durch das Gefrieren sofort fixirt, so tritt
beim Trocknen desselben unterhalb der kritischen Temperatur
eine Veränderung der vitalen Farbstoffreaction nicht ein, und
ist das Gewebe erst trocken, so kann es ohne Nachtheil für die
Farbstoffverbindungen mit Paraffin durchtränkt, geschnitten, mit
Xylol gewaschen und in Balsam eingeschlossen werden; man
erhält so Dauerpräparate, welche den besten Vergrösserungen
zugänglich sind.

Auch abgesehen von seiner Verwendung für morphologische
Zwecke dürfte das Ausfrieren unterhalb der kritischen Tempe¬
ratur nützlich sein. Indem wir z. B. ein lebendes Organ, statt
es absterben zu lassen, acut gefrieren machen, gewinnen wir
durch jene Methode die Möglichkeit, eine Substanz in trockner
Pulverform vor uns zu haben, die wir in einem Zustande direkt
angreifen können, welcher sich von dem des Lebens nur durch
die Abwesenheit des Wassers unterscheidet. Was wir aus den
durch das Absterben veränderten wasserhaltigen Organen ex¬
trahiren, mag als Zersetzungsprodukte der lebenden Substanz
gewiss von Werth sein; vielleicht ist es aber durch jene Methode
zu erreichen, nicht nur chemisch, sondern biochemisch vor¬
zugehen, abgesehen von den Vorzügen, welche auch sonst
in der späteren Handlicheit und Sauberkeit des Verfahrens
liegen.

Es mag noch darauf hingewiesen werden, dass in dem Aus¬
frieren der Gewebe unterhalb der kritischen Temperatur endlich
auch ein Mittel gefunden zu sein scheint, um die von Naegeli
geschaffenen Anschauungen über die micellare Natur der orga¬
nisirten Substanz einer experimentellen Prüfung zu unterziehen.
Diese Micellartheorie wird augenscheinlich die Grundlage der
Erwägungen zu bilden haben, wenn es sich darum handeln
wird, die lebendigen Vorgänge durch Gesetze der Mikrophysik
zu erklären; sie basirt in Ihrem ganzen Wesen aber auf den
Vorstellungen über den Gegensatz des wasserhaltigen und wasser¬
freien Zustandes der organisirten Substanz. Gelingt es nun, wie
dieses augenscheinlich bei der Ausfriermethode der Fall ist, den
wasserfreien Zustand herzustellen, ohne die Organisation zu
stören, und so die Micellen trotz des Wasserverlustes in ihrem

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0042" n="26"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#k">Die Methoden der Granulauntersuchung</hi>.<lb/></fw>Balsam das Wasser entfernen sollen, extrahirt. Wird jedoch<lb/>
das lebende Organ durch das Gefrieren sofort fixirt, so tritt<lb/>
beim Trocknen desselben unterhalb der kritischen Temperatur<lb/>
eine Veränderung der vitalen Farbstoffreaction nicht ein, und<lb/>
ist das Gewebe erst trocken, so kann es ohne Nachtheil für die<lb/>
Farbstoffverbindungen mit Paraffin durchtränkt, geschnitten, mit<lb/>
Xylol gewaschen und in Balsam eingeschlossen werden; man<lb/>
erhält so Dauerpräparate, welche den besten Vergrösserungen<lb/>
zugänglich sind.</p><lb/>
        <p>Auch abgesehen von seiner Verwendung für morphologische<lb/>
Zwecke dürfte das Ausfrieren unterhalb der kritischen Tempe¬<lb/>
ratur nützlich sein. Indem wir z. B. ein lebendes Organ, statt<lb/>
es absterben zu lassen, acut gefrieren machen, gewinnen wir<lb/>
durch jene Methode die Möglichkeit, eine Substanz in trockner<lb/>
Pulverform vor uns zu haben, die wir in einem Zustande direkt<lb/>
angreifen können, welcher sich von dem des Lebens nur durch<lb/>
die Abwesenheit des Wassers unterscheidet. Was wir aus den<lb/>
durch das Absterben veränderten wasserhaltigen Organen ex¬<lb/>
trahiren, mag als Zersetzungsprodukte der lebenden Substanz<lb/>
gewiss von Werth sein; vielleicht ist es aber durch jene Methode<lb/>
zu erreichen, nicht nur chemisch, sondern biochemisch vor¬<lb/>
zugehen, abgesehen von den Vorzügen, welche auch sonst<lb/>
in der späteren Handlicheit und Sauberkeit des Verfahrens<lb/>
liegen.</p><lb/>
        <p>Es mag noch darauf hingewiesen werden, dass in dem Aus¬<lb/>
frieren der Gewebe unterhalb der kritischen Temperatur endlich<lb/>
auch ein Mittel gefunden zu sein scheint, um die von <hi rendition="#k">Naegeli</hi><lb/>
geschaffenen Anschauungen über die micellare Natur der orga¬<lb/>
nisirten Substanz einer experimentellen Prüfung zu unterziehen.<lb/>
Diese Micellartheorie wird augenscheinlich die Grundlage der<lb/>
Erwägungen zu bilden haben, wenn es sich darum handeln<lb/>
wird, die lebendigen Vorgänge durch Gesetze der Mikrophysik<lb/>
zu erklären; sie basirt in Ihrem ganzen Wesen aber auf den<lb/>
Vorstellungen über den Gegensatz des wasserhaltigen und wasser¬<lb/>
freien Zustandes der organisirten Substanz. Gelingt es nun, wie<lb/>
dieses augenscheinlich bei der Ausfriermethode der Fall ist, den<lb/>
wasserfreien Zustand herzustellen, ohne die Organisation zu<lb/>
stören, und so die Micellen trotz des Wasserverlustes in ihrem<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[26/0042] Die Methoden der Granulauntersuchung. Balsam das Wasser entfernen sollen, extrahirt. Wird jedoch das lebende Organ durch das Gefrieren sofort fixirt, so tritt beim Trocknen desselben unterhalb der kritischen Temperatur eine Veränderung der vitalen Farbstoffreaction nicht ein, und ist das Gewebe erst trocken, so kann es ohne Nachtheil für die Farbstoffverbindungen mit Paraffin durchtränkt, geschnitten, mit Xylol gewaschen und in Balsam eingeschlossen werden; man erhält so Dauerpräparate, welche den besten Vergrösserungen zugänglich sind. Auch abgesehen von seiner Verwendung für morphologische Zwecke dürfte das Ausfrieren unterhalb der kritischen Tempe¬ ratur nützlich sein. Indem wir z. B. ein lebendes Organ, statt es absterben zu lassen, acut gefrieren machen, gewinnen wir durch jene Methode die Möglichkeit, eine Substanz in trockner Pulverform vor uns zu haben, die wir in einem Zustande direkt angreifen können, welcher sich von dem des Lebens nur durch die Abwesenheit des Wassers unterscheidet. Was wir aus den durch das Absterben veränderten wasserhaltigen Organen ex¬ trahiren, mag als Zersetzungsprodukte der lebenden Substanz gewiss von Werth sein; vielleicht ist es aber durch jene Methode zu erreichen, nicht nur chemisch, sondern biochemisch vor¬ zugehen, abgesehen von den Vorzügen, welche auch sonst in der späteren Handlicheit und Sauberkeit des Verfahrens liegen. Es mag noch darauf hingewiesen werden, dass in dem Aus¬ frieren der Gewebe unterhalb der kritischen Temperatur endlich auch ein Mittel gefunden zu sein scheint, um die von Naegeli geschaffenen Anschauungen über die micellare Natur der orga¬ nisirten Substanz einer experimentellen Prüfung zu unterziehen. Diese Micellartheorie wird augenscheinlich die Grundlage der Erwägungen zu bilden haben, wenn es sich darum handeln wird, die lebendigen Vorgänge durch Gesetze der Mikrophysik zu erklären; sie basirt in Ihrem ganzen Wesen aber auf den Vorstellungen über den Gegensatz des wasserhaltigen und wasser¬ freien Zustandes der organisirten Substanz. Gelingt es nun, wie dieses augenscheinlich bei der Ausfriermethode der Fall ist, den wasserfreien Zustand herzustellen, ohne die Organisation zu stören, und so die Micellen trotz des Wasserverlustes in ihrem

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/altmann_elementarorganismen_1890
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/altmann_elementarorganismen_1890/42
Zitationshilfe: Altmann, Richard: Die Elementarorganismen und ihre Beziehungen zu den Zellen. Leipzig, 1890, S. 26. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/altmann_elementarorganismen_1890/42>, abgerufen am 18.01.2021.