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Adler, Alfred: Studie über Minderwertigkeit von Organen. Berlin u. a., 1907.

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aus einer fettleibigen Familie, in der Obstipation gerade nicht vorherrscht.
Seit seiner Jugend ist Patient von Afterfissuren gequält, die jeder kon-
servativen Behandlung bisher getrotzt haben. Ein Sohn zeigte Epignathie
und starb im Alter von 15 Jahren im diabetischen Koma. Die Kind-
heitsanamnese des Sohnes ergab Incontinentia alvi bis ins 5. Lebens-
jahr und Lispeln als Sprachfehler. Beim Vater mangelnder Gaumen-
reflex, desgleichen bei der Tochter, die an einer schweren Hysterie
erkrankt ist und eine Verkürzung der Oberlippe zeigt. -- In diesem
Falle finden wir neben den oralen Stigmen bei Sohn und Tochter, von
denen dieses Kapitel handelt, Zusammenhänge, die in der Literatur
mehrfach erwähnt sind, aber unerklärt blieben. Wir meinen das Ver-
hältnis des Diabetes zur Fettleibigkeit, zur Neurose und zur Zahnver-
derbnis. Allen dreien kann, wie ich mich oft überzeugt habe, eine
Minderwertigkeit des Nahrungsapparates zugrunde liegen, die im ersten
Falle in sich selbst kompensiert, überkompensiert erscheint, im zweiten
Falle (siehe später) die zugehörigen Nervenbahnen miteinbezieht und
sich nur im dritten Falle unverhüllt deklariert. Der dabei mangelnde
Gaumenreflex legt uns den Gedanken einer wenig exakten Ausbildung
des zugehörigen Reflexapparates nahe, eine Hemmung, die sich bei Dia-
betes weiterhin im Mangel des Patellarsehnenreflexes aussprechen kann. --

Das periphere Stigma braucht durchaus nicht von besonderer Art
zu sein. Ein anderer Schluß als der auf Minderwertigkeit des Ernährungs-
traktes ist, wie schon öfters betont wurde, unzulässig. Und vollständige
Gewissheit ist erst aus der Vielheit der Minderwertigkeitssymptome zu
gewinnen, was im allgemeinen nicht allzu schwer fällt. Dafür möge
folgender Fall ein Beispiel bieten:

Käthe H., 24 Jahre alt, hat vor 5 Jahren schon fast sämtliche
Zähne des Oberkiefers eingebüßt und trägt ein falsches Gebiß. Patientin
kommt zur Behandlung infolge von Appetitlosigkeit, die bereits seit 6 Mona-
ten anhält. Es finden sich weder spontane Schmerzen noch Druckempfind-
lichkeit. Während der 6monatlichen Periode der Appetitlosigkeit ist dreimal
Erbrechen aufgetreten, auch dieses ohne Vorangehen von Schmerzen.
Patientin gibt an, vor 4 Jahren einmal Blut gebrochen zu haben. Als
Kind hat sie an häufigem Erbrechen gelitten und ist zuweilen "vor
Üblichkeit" bewußtlos umgesunken. Die gegenwärtige Erkrankung soll
sich an heftige Aufregungen angeschlossen haben. Der Befund an den
inneren Organen war negativ. Aus der Symptomatologie dieser Appetit-
losigkeit soll noch ein besonderer Ekel vor Fleisch hervorgehoben werden.
Die Abmagerung während der Erkrankung wird mit 3 Kilo Gewichts-
verlust angegeben. Gaumen- und Rachenreflex zeigten sich gesteigert.

aus einer fettleibigen Familie, in der Obstipation gerade nicht vorherrscht.
Seit seiner Jugend ist Patient von Afterfissuren gequält, die jeder kon-
servativen Behandlung bisher getrotzt haben. Ein Sohn zeigte Epignathie
und starb im Alter von 15 Jahren im diabetischen Koma. Die Kind-
heitsanamnese des Sohnes ergab Incontinentia alvi bis ins 5. Lebens-
jahr und Lispeln als Sprachfehler. Beim Vater mangelnder Gaumen-
reflex, desgleichen bei der Tochter, die an einer schweren Hysterie
erkrankt ist und eine Verkürzung der Oberlippe zeigt. — In diesem
Falle finden wir neben den oralen Stigmen bei Sohn und Tochter, von
denen dieses Kapitel handelt, Zusammenhänge, die in der Literatur
mehrfach erwähnt sind, aber unerklärt blieben. Wir meinen das Ver-
hältnis des Diabetes zur Fettleibigkeit, zur Neurose und zur Zahnver-
derbnis. Allen dreien kann, wie ich mich oft überzeugt habe, eine
Minderwertigkeit des Nahrungsapparates zugrunde liegen, die im ersten
Falle in sich selbst kompensiert, überkompensiert erscheint, im zweiten
Falle (siehe später) die zugehörigen Nervenbahnen miteinbezieht und
sich nur im dritten Falle unverhüllt deklariert. Der dabei mangelnde
Gaumenreflex legt uns den Gedanken einer wenig exakten Ausbildung
des zugehörigen Reflexapparates nahe, eine Hemmung, die sich bei Dia-
betes weiterhin im Mangel des Patellarsehnenreflexes aussprechen kann. —

Das periphere Stigma braucht durchaus nicht von besonderer Art
zu sein. Ein anderer Schluß als der auf Minderwertigkeit des Ernährungs-
traktes ist, wie schon öfters betont wurde, unzulässig. Und vollständige
Gewissheit ist erst aus der Vielheit der Minderwertigkeitssymptome zu
gewinnen, was im allgemeinen nicht allzu schwer fällt. Dafür möge
folgender Fall ein Beispiel bieten:

Käthe H., 24 Jahre alt, hat vor 5 Jahren schon fast sämtliche
Zähne des Oberkiefers eingebüßt und trägt ein falsches Gebiß. Patientin
kommt zur Behandlung infolge von Appetitlosigkeit, die bereits seit 6 Mona-
ten anhält. Es finden sich weder spontane Schmerzen noch Druckempfind-
lichkeit. Während der 6monatlichen Periode der Appetitlosigkeit ist dreimal
Erbrechen aufgetreten, auch dieses ohne Vorangehen von Schmerzen.
Patientin gibt an, vor 4 Jahren einmal Blut gebrochen zu haben. Als
Kind hat sie an häufigem Erbrechen gelitten und ist zuweilen „vor
Üblichkeit“ bewußtlos umgesunken. Die gegenwärtige Erkrankung soll
sich an heftige Aufregungen angeschlossen haben. Der Befund an den
inneren Organen war negativ. Aus der Symptomatologie dieser Appetit-
losigkeit soll noch ein besonderer Ekel vor Fleisch hervorgehoben werden.
Die Abmagerung während der Erkrankung wird mit 3 Kilo Gewichts-
verlust angegeben. Gaumen- und Rachenreflex zeigten sich gesteigert.

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[37/0049] aus einer fettleibigen Familie, in der Obstipation gerade nicht vorherrscht. Seit seiner Jugend ist Patient von Afterfissuren gequält, die jeder kon- servativen Behandlung bisher getrotzt haben. Ein Sohn zeigte Epignathie und starb im Alter von 15 Jahren im diabetischen Koma. Die Kind- heitsanamnese des Sohnes ergab Incontinentia alvi bis ins 5. Lebens- jahr und Lispeln als Sprachfehler. Beim Vater mangelnder Gaumen- reflex, desgleichen bei der Tochter, die an einer schweren Hysterie erkrankt ist und eine Verkürzung der Oberlippe zeigt. — In diesem Falle finden wir neben den oralen Stigmen bei Sohn und Tochter, von denen dieses Kapitel handelt, Zusammenhänge, die in der Literatur mehrfach erwähnt sind, aber unerklärt blieben. Wir meinen das Ver- hältnis des Diabetes zur Fettleibigkeit, zur Neurose und zur Zahnver- derbnis. Allen dreien kann, wie ich mich oft überzeugt habe, eine Minderwertigkeit des Nahrungsapparates zugrunde liegen, die im ersten Falle in sich selbst kompensiert, überkompensiert erscheint, im zweiten Falle (siehe später) die zugehörigen Nervenbahnen miteinbezieht und sich nur im dritten Falle unverhüllt deklariert. Der dabei mangelnde Gaumenreflex legt uns den Gedanken einer wenig exakten Ausbildung des zugehörigen Reflexapparates nahe, eine Hemmung, die sich bei Dia- betes weiterhin im Mangel des Patellarsehnenreflexes aussprechen kann. — Das periphere Stigma braucht durchaus nicht von besonderer Art zu sein. Ein anderer Schluß als der auf Minderwertigkeit des Ernährungs- traktes ist, wie schon öfters betont wurde, unzulässig. Und vollständige Gewissheit ist erst aus der Vielheit der Minderwertigkeitssymptome zu gewinnen, was im allgemeinen nicht allzu schwer fällt. Dafür möge folgender Fall ein Beispiel bieten: Käthe H., 24 Jahre alt, hat vor 5 Jahren schon fast sämtliche Zähne des Oberkiefers eingebüßt und trägt ein falsches Gebiß. Patientin kommt zur Behandlung infolge von Appetitlosigkeit, die bereits seit 6 Mona- ten anhält. Es finden sich weder spontane Schmerzen noch Druckempfind- lichkeit. Während der 6monatlichen Periode der Appetitlosigkeit ist dreimal Erbrechen aufgetreten, auch dieses ohne Vorangehen von Schmerzen. Patientin gibt an, vor 4 Jahren einmal Blut gebrochen zu haben. Als Kind hat sie an häufigem Erbrechen gelitten und ist zuweilen „vor Üblichkeit“ bewußtlos umgesunken. Die gegenwärtige Erkrankung soll sich an heftige Aufregungen angeschlossen haben. Der Befund an den inneren Organen war negativ. Aus der Symptomatologie dieser Appetit- losigkeit soll noch ein besonderer Ekel vor Fleisch hervorgehoben werden. Die Abmagerung während der Erkrankung wird mit 3 Kilo Gewichts- verlust angegeben. Gaumen- und Rachenreflex zeigten sich gesteigert.

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Zitationshilfe: Adler, Alfred: Studie über Minderwertigkeit von Organen. Berlin u. a., 1907, S. 37. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/adler_studie_1907/49>, abgerufen am 30.09.2020.