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Adler, Alfred: Studie über Minderwertigkeit von Organen. Berlin u. a., 1907.

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Anlage des ganzen Menschen, die Minderwertigkeit seines Gesamtorga-
nismus, vornehmlich seiner Psyche zu betonen. Diese Voreiligkeit hat
die Degenerationslehre vielfach in Mißkredit gebracht, und neuerdings
geht man daran, ihre Unhaltbarkeit in dieser Form statistisch nach-
zuweisen. Weniger wäre mehr! Was wir mit größerer Sicherheit von
den Degenerationszeichen aussagen können, ist, daß sie die äußeren
Spuren einer Organminderwertigkeit darstellen, die sich an dem ganzen
Organ oder einzelnen seiner Teile in ähnlicher Weise finden läßt. Fügen
wir noch hinzu, daß diese äußeren Spuren trotz Organminderwertigkeit
fehlen können, daß sich die degenerative Anlage auf ein weiteres Organ
erstrecken kann, daß die Stigmen der Minderwertigkeit dem Körper-
innern angehören können oder in Ausfallserscheinungen der Funktion
und, was später dargestellt werden soll, der zugehörigen Reflexe be-
stehen können, so halten wir die heute wahrnehmbaren Grenzen der
"Degenerationslehre" für genügend gekennzeichnet.

Die Bedeutung auffindbarer äußerer Degenerationszeichen ist in
diesem Rahmen eine unleugbare. Ihre Zugehörigkeit zu dem betreffen-
den Organ und die daraus hervorgehende Nötigung, im Gesamtorgan
noch weitere Zeichen der Minderwertigkeit zu vermuten, erscheint dem-
nach genügend motiviert und soll im folgenden an einzelnen Beispielen
gezeigt werden. Es erweckt den Anschein, als hätte in solchen Fällen
das Bildungsmaterial nicht völlig gereicht, um die Organentwicklung
in voller Harmonie, mit ausreichender "Tektonik" zu beschließen. Und
mit vollem Recht kann der Verdacht den zentralen Teilen des Organes
zugewendet werden, kann man die Frage aufwerfen, ob nicht auch die
tieferen oder zugehörige Teile morphologisch oder funktionell im Rück-
stande geblieben seien, wobei der funktionelle Mangel im allgemeinen
als geringster Grad der primären Organhemmung anzusehen wäre, die
morphologische Hypoplasie oder Aplasie als höchster Grad. Die auf diesem
geschwächten Boden erwachsenden Schädigungen freilich sind nicht in
der gleichen Weise abzustufen, erstens, weil funktionelles und morpho-
logisches Defizit in verschiedenen Graden zusammentreffen können, zwei-
tens, weil exogene Benachteiligungen, wie Infektion, die Schwere der
Erkrankung in hervorragender Weise mitbestimmen. Dazu kommt noch,
worauf schon öfters hingewiesen wurde, daß unter günstigen äußeren
Bedingungen oder infolge von Kompensation die Minderwertigkeit des
Organes verdeckt oder sogar überwunden wird. Was die funktionellen
Hemmungen anlangt, so müssen wir neben motorischer Schwäche vor allem
die dürftigere Ausbildung und das Fehlen von Reflexaktionen, Mikroreflexen,
und quantitativ wie qualitativ veränderte Drüsensekretion erwarten.

Anlage des ganzen Menschen, die Minderwertigkeit seines Gesamtorga-
nismus, vornehmlich seiner Psyche zu betonen. Diese Voreiligkeit hat
die Degenerationslehre vielfach in Mißkredit gebracht, und neuerdings
geht man daran, ihre Unhaltbarkeit in dieser Form statistisch nach-
zuweisen. Weniger wäre mehr! Was wir mit größerer Sicherheit von
den Degenerationszeichen aussagen können, ist, daß sie die äußeren
Spuren einer Organminderwertigkeit darstellen, die sich an dem ganzen
Organ oder einzelnen seiner Teile in ähnlicher Weise finden läßt. Fügen
wir noch hinzu, daß diese äußeren Spuren trotz Organminderwertigkeit
fehlen können, daß sich die degenerative Anlage auf ein weiteres Organ
erstrecken kann, daß die Stigmen der Minderwertigkeit dem Körper-
innern angehören können oder in Ausfallserscheinungen der Funktion
und, was später dargestellt werden soll, der zugehörigen Reflexe be-
stehen können, so halten wir die heute wahrnehmbaren Grenzen der
„Degenerationslehre“ für genügend gekennzeichnet.

Die Bedeutung auffindbarer äußerer Degenerationszeichen ist in
diesem Rahmen eine unleugbare. Ihre Zugehörigkeit zu dem betreffen-
den Organ und die daraus hervorgehende Nötigung, im Gesamtorgan
noch weitere Zeichen der Minderwertigkeit zu vermuten, erscheint dem-
nach genügend motiviert und soll im folgenden an einzelnen Beispielen
gezeigt werden. Es erweckt den Anschein, als hätte in solchen Fällen
das Bildungsmaterial nicht völlig gereicht, um die Organentwicklung
in voller Harmonie, mit ausreichender „Tektonik“ zu beschließen. Und
mit vollem Recht kann der Verdacht den zentralen Teilen des Organes
zugewendet werden, kann man die Frage aufwerfen, ob nicht auch die
tieferen oder zugehörige Teile morphologisch oder funktionell im Rück-
stande geblieben seien, wobei der funktionelle Mangel im allgemeinen
als geringster Grad der primären Organhemmung anzusehen wäre, die
morphologische Hypoplasie oder Aplasie als höchster Grad. Die auf diesem
geschwächten Boden erwachsenden Schädigungen freilich sind nicht in
der gleichen Weise abzustufen, erstens, weil funktionelles und morpho-
logisches Defizit in verschiedenen Graden zusammentreffen können, zwei-
tens, weil exogene Benachteiligungen, wie Infektion, die Schwere der
Erkrankung in hervorragender Weise mitbestimmen. Dazu kommt noch,
worauf schon öfters hingewiesen wurde, daß unter günstigen äußeren
Bedingungen oder infolge von Kompensation die Minderwertigkeit des
Organes verdeckt oder sogar überwunden wird. Was die funktionellen
Hemmungen anlangt, so müssen wir neben motorischer Schwäche vor allem
die dürftigere Ausbildung und das Fehlen von Reflexaktionen, Mikroreflexen,
und quantitativ wie qualitativ veränderte Drüsensekretion erwarten.

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[31/0043] Anlage des ganzen Menschen, die Minderwertigkeit seines Gesamtorga- nismus, vornehmlich seiner Psyche zu betonen. Diese Voreiligkeit hat die Degenerationslehre vielfach in Mißkredit gebracht, und neuerdings geht man daran, ihre Unhaltbarkeit in dieser Form statistisch nach- zuweisen. Weniger wäre mehr! Was wir mit größerer Sicherheit von den Degenerationszeichen aussagen können, ist, daß sie die äußeren Spuren einer Organminderwertigkeit darstellen, die sich an dem ganzen Organ oder einzelnen seiner Teile in ähnlicher Weise finden läßt. Fügen wir noch hinzu, daß diese äußeren Spuren trotz Organminderwertigkeit fehlen können, daß sich die degenerative Anlage auf ein weiteres Organ erstrecken kann, daß die Stigmen der Minderwertigkeit dem Körper- innern angehören können oder in Ausfallserscheinungen der Funktion und, was später dargestellt werden soll, der zugehörigen Reflexe be- stehen können, so halten wir die heute wahrnehmbaren Grenzen der „Degenerationslehre“ für genügend gekennzeichnet. Die Bedeutung auffindbarer äußerer Degenerationszeichen ist in diesem Rahmen eine unleugbare. Ihre Zugehörigkeit zu dem betreffen- den Organ und die daraus hervorgehende Nötigung, im Gesamtorgan noch weitere Zeichen der Minderwertigkeit zu vermuten, erscheint dem- nach genügend motiviert und soll im folgenden an einzelnen Beispielen gezeigt werden. Es erweckt den Anschein, als hätte in solchen Fällen das Bildungsmaterial nicht völlig gereicht, um die Organentwicklung in voller Harmonie, mit ausreichender „Tektonik“ zu beschließen. Und mit vollem Recht kann der Verdacht den zentralen Teilen des Organes zugewendet werden, kann man die Frage aufwerfen, ob nicht auch die tieferen oder zugehörige Teile morphologisch oder funktionell im Rück- stande geblieben seien, wobei der funktionelle Mangel im allgemeinen als geringster Grad der primären Organhemmung anzusehen wäre, die morphologische Hypoplasie oder Aplasie als höchster Grad. Die auf diesem geschwächten Boden erwachsenden Schädigungen freilich sind nicht in der gleichen Weise abzustufen, erstens, weil funktionelles und morpho- logisches Defizit in verschiedenen Graden zusammentreffen können, zwei- tens, weil exogene Benachteiligungen, wie Infektion, die Schwere der Erkrankung in hervorragender Weise mitbestimmen. Dazu kommt noch, worauf schon öfters hingewiesen wurde, daß unter günstigen äußeren Bedingungen oder infolge von Kompensation die Minderwertigkeit des Organes verdeckt oder sogar überwunden wird. Was die funktionellen Hemmungen anlangt, so müssen wir neben motorischer Schwäche vor allem die dürftigere Ausbildung und das Fehlen von Reflexaktionen, Mikroreflexen, und quantitativ wie qualitativ veränderte Drüsensekretion erwarten.

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Zitationshilfe: Adler, Alfred: Studie über Minderwertigkeit von Organen. Berlin u. a., 1907, S. 31. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/adler_studie_1907/43>, abgerufen am 19.09.2020.