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Adler, Alfred: Studie über Minderwertigkeit von Organen. Berlin u. a., 1907.

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verstopfung umschlugen. Nunmehr besteht seit 6 Tagen Obstipation.
Dabei fühlt sich Patientin elend, leidet an Üblichkeit, Wallungen,
häufigen Angstanfällen und heftigem Urindrang. Den gleichen Zustand
behauptet Patientin schon öfters durchgemacht zu haben. Die Unter-
suchung ergibt einen verhältnismäßig dürftigen Befund: das Abdomen
zeigt geringen Meteorismus; keine Druckempfindlichkeit, keine Tempe-
ratursteigerung. Die Harnanalyse ist negativ. Spontane Schmerzen hat
Patientin nie gehabt, kein Erbrechen. Die inneren Organe sind gesund.
Auffallend war der Mangel des Gaumenreflexes und des Bauchdecken-
reflexes, -- der Rachenreflex erwies sich als schwach, Konjunktivalreflex
normal. Die Anamnese bot die Lösung. Patientin war als Kind sehr
ungeberdig und hat häufig an Kopfweh und Stuhlverstopfung gelitten.
Mit 15 Jahren litt sie an heftigen Anfällen von Singultus. Patientin
stößt mit der Zunge beim Sprechen an. Der Vater starb an
Diabetes, ein Bruder war Bettnässer und behielt dieses Leiden sowie
Stuhlinkontinenz bis ins 12. Lebensjahr. Eine Schwester lebt in unglück-
licher Ehe und leidet zeitweilig an Anfällen von Bewußtlosigkeit. Aus
der Analyse dieses Falles wäre hervorzuheben: die hereditäre Organ-
minderwertigkeit bei Vater, Bruder und Patientin und die deutliche
Sprache der Frühanamnese, Stuhlverstopfung bei der Patientin, Incon-
tinentia alvi beim Bruder sowie Lispeln beim Sprechen, das nach der
Aussage der Patientin in der Kindheit besonders stark gewesen ist.
Der Zustand der Patientin, die also eine eklatante Darmminderwertig-
keit aufweist, gehört nach der heutigen Nomenklatur ins Gebiet der
Hysterie, deren Entwicklung allerdings dürftig ist. Bei der Schwester
scheint diese Seite des Krankheitsbildes deutlicher entwickelt zu sein.

Richard v. R., ein gesunder Mann von 30 Jahren, litt in seinem
5. und 6. Jahre an heftigem Augenblinzeln. Später verschwand dieser
häufig vorkommende Kinderfehler spurlos. In der Familie keine Augen-
erkrankungen. Ein Bruder, Julius v. R., ist ein bekannter, sehr begabter
Maler, der mir berichtet, daß er in der Kindheit äußerst empfindliche
Augen hatte, insbesondere helles Licht nicht vertragen konnte. Im
7. Lebensjahre überstand er eine lang anhaltende Conjunctivitis lym-
phatica. Dieser Fall ist in zweifacher Hinsicht interessant. Er zeigt,
daß eine Organminderwertigkeit auch ohne sonderliche Erkrankung in
der Familie bestehen kann. Andrerseits ist hier die höhere Ausbildung
des minderwertigen Organes zum Künstlerauge wahrzunehmen.

Frau Elsa S., 24 Jahre alt, litt bis in ihre spätere Kindheit an
heftigem Augenblinzeln. Ein Bruder der Dame ist hochgradig myopisch,
der Vater war gegen Ende seines Lebens fast völlig erblindet. Auch

verstopfung umschlugen. Nunmehr besteht seit 6 Tagen Obstipation.
Dabei fühlt sich Patientin elend, leidet an Üblichkeit, Wallungen,
häufigen Angstanfällen und heftigem Urindrang. Den gleichen Zustand
behauptet Patientin schon öfters durchgemacht zu haben. Die Unter-
suchung ergibt einen verhältnismäßig dürftigen Befund: das Abdomen
zeigt geringen Meteorismus; keine Druckempfindlichkeit, keine Tempe-
ratursteigerung. Die Harnanalyse ist negativ. Spontane Schmerzen hat
Patientin nie gehabt, kein Erbrechen. Die inneren Organe sind gesund.
Auffallend war der Mangel des Gaumenreflexes und des Bauchdecken-
reflexes, — der Rachenreflex erwies sich als schwach, Konjunktivalreflex
normal. Die Anamnese bot die Lösung. Patientin war als Kind sehr
ungeberdig und hat häufig an Kopfweh und Stuhlverstopfung gelitten.
Mit 15 Jahren litt sie an heftigen Anfällen von Singultus. Patientin
stößt mit der Zunge beim Sprechen an. Der Vater starb an
Diabetes, ein Bruder war Bettnässer und behielt dieses Leiden sowie
Stuhlinkontinenz bis ins 12. Lebensjahr. Eine Schwester lebt in unglück-
licher Ehe und leidet zeitweilig an Anfällen von Bewußtlosigkeit. Aus
der Analyse dieses Falles wäre hervorzuheben: die hereditäre Organ-
minderwertigkeit bei Vater, Bruder und Patientin und die deutliche
Sprache der Frühanamnese, Stuhlverstopfung bei der Patientin, Incon-
tinentia alvi beim Bruder sowie Lispeln beim Sprechen, das nach der
Aussage der Patientin in der Kindheit besonders stark gewesen ist.
Der Zustand der Patientin, die also eine eklatante Darmminderwertig-
keit aufweist, gehört nach der heutigen Nomenklatur ins Gebiet der
Hysterie, deren Entwicklung allerdings dürftig ist. Bei der Schwester
scheint diese Seite des Krankheitsbildes deutlicher entwickelt zu sein.

Richard v. R., ein gesunder Mann von 30 Jahren, litt in seinem
5. und 6. Jahre an heftigem Augenblinzeln. Später verschwand dieser
häufig vorkommende Kinderfehler spurlos. In der Familie keine Augen-
erkrankungen. Ein Bruder, Julius v. R., ist ein bekannter, sehr begabter
Maler, der mir berichtet, daß er in der Kindheit äußerst empfindliche
Augen hatte, insbesondere helles Licht nicht vertragen konnte. Im
7. Lebensjahre überstand er eine lang anhaltende Conjunctivitis lym-
phatica. Dieser Fall ist in zweifacher Hinsicht interessant. Er zeigt,
daß eine Organminderwertigkeit auch ohne sonderliche Erkrankung in
der Familie bestehen kann. Andrerseits ist hier die höhere Ausbildung
des minderwertigen Organes zum Künstlerauge wahrzunehmen.

Frau Elsa S., 24 Jahre alt, litt bis in ihre spätere Kindheit an
heftigem Augenblinzeln. Ein Bruder der Dame ist hochgradig myopisch,
der Vater war gegen Ende seines Lebens fast völlig erblindet. Auch

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[29/0041] verstopfung umschlugen. Nunmehr besteht seit 6 Tagen Obstipation. Dabei fühlt sich Patientin elend, leidet an Üblichkeit, Wallungen, häufigen Angstanfällen und heftigem Urindrang. Den gleichen Zustand behauptet Patientin schon öfters durchgemacht zu haben. Die Unter- suchung ergibt einen verhältnismäßig dürftigen Befund: das Abdomen zeigt geringen Meteorismus; keine Druckempfindlichkeit, keine Tempe- ratursteigerung. Die Harnanalyse ist negativ. Spontane Schmerzen hat Patientin nie gehabt, kein Erbrechen. Die inneren Organe sind gesund. Auffallend war der Mangel des Gaumenreflexes und des Bauchdecken- reflexes, — der Rachenreflex erwies sich als schwach, Konjunktivalreflex normal. Die Anamnese bot die Lösung. Patientin war als Kind sehr ungeberdig und hat häufig an Kopfweh und Stuhlverstopfung gelitten. Mit 15 Jahren litt sie an heftigen Anfällen von Singultus. Patientin stößt mit der Zunge beim Sprechen an. Der Vater starb an Diabetes, ein Bruder war Bettnässer und behielt dieses Leiden sowie Stuhlinkontinenz bis ins 12. Lebensjahr. Eine Schwester lebt in unglück- licher Ehe und leidet zeitweilig an Anfällen von Bewußtlosigkeit. Aus der Analyse dieses Falles wäre hervorzuheben: die hereditäre Organ- minderwertigkeit bei Vater, Bruder und Patientin und die deutliche Sprache der Frühanamnese, Stuhlverstopfung bei der Patientin, Incon- tinentia alvi beim Bruder sowie Lispeln beim Sprechen, das nach der Aussage der Patientin in der Kindheit besonders stark gewesen ist. Der Zustand der Patientin, die also eine eklatante Darmminderwertig- keit aufweist, gehört nach der heutigen Nomenklatur ins Gebiet der Hysterie, deren Entwicklung allerdings dürftig ist. Bei der Schwester scheint diese Seite des Krankheitsbildes deutlicher entwickelt zu sein. Richard v. R., ein gesunder Mann von 30 Jahren, litt in seinem 5. und 6. Jahre an heftigem Augenblinzeln. Später verschwand dieser häufig vorkommende Kinderfehler spurlos. In der Familie keine Augen- erkrankungen. Ein Bruder, Julius v. R., ist ein bekannter, sehr begabter Maler, der mir berichtet, daß er in der Kindheit äußerst empfindliche Augen hatte, insbesondere helles Licht nicht vertragen konnte. Im 7. Lebensjahre überstand er eine lang anhaltende Conjunctivitis lym- phatica. Dieser Fall ist in zweifacher Hinsicht interessant. Er zeigt, daß eine Organminderwertigkeit auch ohne sonderliche Erkrankung in der Familie bestehen kann. Andrerseits ist hier die höhere Ausbildung des minderwertigen Organes zum Künstlerauge wahrzunehmen. Frau Elsa S., 24 Jahre alt, litt bis in ihre spätere Kindheit an heftigem Augenblinzeln. Ein Bruder der Dame ist hochgradig myopisch, der Vater war gegen Ende seines Lebens fast völlig erblindet. Auch

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Zitationshilfe: Adler, Alfred: Studie über Minderwertigkeit von Organen. Berlin u. a., 1907, S. 29. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/adler_studie_1907/41>, abgerufen am 30.09.2020.