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Adler, Alfred: Studie über Minderwertigkeit von Organen. Berlin u. a., 1907.

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sation in der Lungenspitze in Anspruch. Sie erklärt sich unseres Er-
achtens am besten mit der Annahme einer besonderen Minderwertigkeit
an dieser Stelle. Die Fränkelsche Enge der oberen Thoraxapertur, der
vorspringende Angulus Ludovica, der Habitus phthisicus, die von Sorgo
und Schick hervorgehobene geringere Ausbildung des Warzenhofes auf
der befallenen Seite stellen nichts anderes vor als periphere Kennzeichen
der Minderwertigkeit des Atmungsorganes, sind sicherlich nicht ätio-
logisch zu verwerten, ebensowenig wie der geringere Luftwechsel in
der Spitze. Alle diese Zeichen finden sich nicht nur bei Phthisikern,
sind aber jedenfalls ausgiebige Verdachtsmomente. Die auffallende
Größe der Lungen bei Phthisikern weist auf jenes Moment der Wachs-
tumstendenz in minderwertigen Organen hin, von dem oben bereits ge-
sprochen wurde. Des gleichen Eindruckes kann man sich auch nicht
erwehren bei der Beobachtung des Zustandekommens von Riesenzellen.
Andrerseits ist die Rolle der Tuberkelbazillen sowie der sozialen Ver-
hältnisse als determinierend sichergestellt.

Familie E.: Vater Emphysem und chronische Bronchitis, Mutter
bei einer Frühgeburt an Verblutung gestorben. Von den Söhnen der
ältere gesund; der jüngere erkrankte im 23. Lebensjahre an linksseitiger
Pleuritis, linksseitiger Spitzenaffektion und Albuminurie. Litt an chro-
nischer Koryza, Schwellung der Rachenmandel und der Nasenmuscheln.
Ältere Schwester leidet an Nieskrampf (leider liegt kein Befund vor)
und machte im 35. Lebensjahre eine Myomoperation durch. Jüngere
Schwester litt in der Kindheit an Bettnässen, hatte häufig Nasenkatarrhe
und rezidivierende Laryngitis. Die ältere Schwester ist kinderlos, die
jüngere überstand 3 schwere Geburten, bei denen sich Hydramnios
und außergewöhnlich große Kinder vorfanden. Keine nennenswerten
Veränderungen der Beckenmaße. In dieser Familie dokumentiert sich
die Minderwertigkeit des Atmungsorganes an verschiedenen Stellen und
in verschiedener Form. Ebenso die Minderwertigkeit der Sexualorgane
der weiblichen Mitglieder. Hebe ich noch hervor, daß der Vater und
Großvater väterlicherseits an Blasenkatarrhen infolge von Prostata-
hypertrophie (Prostata = Uterus masculinus?) leiden, so werden wir,
Bettnässen und Albuminurie der jüngeren Kinder gleichzeitig ins Auge
fassend, auch eine Minderwertigkeit des Harnapparates, die sich wie
die anderen Minderwertigkeiten hereditär geltend macht, zu konstatieren
haben.

Eine ganze Reihe von Erkrankungen, die sich hereditär durch-
setzen, kann ich hier übergehen oder kurz anführen, weil sie für
das, was in diesem Kapitel vor allem gezeigt werden soll, wenig Ge-

sation in der Lungenspitze in Anspruch. Sie erklärt sich unseres Er-
achtens am besten mit der Annahme einer besonderen Minderwertigkeit
an dieser Stelle. Die Fränkelsche Enge der oberen Thoraxapertur, der
vorspringende Angulus Ludovica, der Habitus phthisicus, die von Sorgo
und Schick hervorgehobene geringere Ausbildung des Warzenhofes auf
der befallenen Seite stellen nichts anderes vor als periphere Kennzeichen
der Minderwertigkeit des Atmungsorganes, sind sicherlich nicht ätio-
logisch zu verwerten, ebensowenig wie der geringere Luftwechsel in
der Spitze. Alle diese Zeichen finden sich nicht nur bei Phthisikern,
sind aber jedenfalls ausgiebige Verdachtsmomente. Die auffallende
Größe der Lungen bei Phthisikern weist auf jenes Moment der Wachs-
tumstendenz in minderwertigen Organen hin, von dem oben bereits ge-
sprochen wurde. Des gleichen Eindruckes kann man sich auch nicht
erwehren bei der Beobachtung des Zustandekommens von Riesenzellen.
Andrerseits ist die Rolle der Tuberkelbazillen sowie der sozialen Ver-
hältnisse als determinierend sichergestellt.

Familie E.: Vater Emphysem und chronische Bronchitis, Mutter
bei einer Frühgeburt an Verblutung gestorben. Von den Söhnen der
ältere gesund; der jüngere erkrankte im 23. Lebensjahre an linksseitiger
Pleuritis, linksseitiger Spitzenaffektion und Albuminurie. Litt an chro-
nischer Koryza, Schwellung der Rachenmandel und der Nasenmuscheln.
Ältere Schwester leidet an Nieskrampf (leider liegt kein Befund vor)
und machte im 35. Lebensjahre eine Myomoperation durch. Jüngere
Schwester litt in der Kindheit an Bettnässen, hatte häufig Nasenkatarrhe
und rezidivierende Laryngitis. Die ältere Schwester ist kinderlos, die
jüngere überstand 3 schwere Geburten, bei denen sich Hydramnios
und außergewöhnlich große Kinder vorfanden. Keine nennenswerten
Veränderungen der Beckenmaße. In dieser Familie dokumentiert sich
die Minderwertigkeit des Atmungsorganes an verschiedenen Stellen und
in verschiedener Form. Ebenso die Minderwertigkeit der Sexualorgane
der weiblichen Mitglieder. Hebe ich noch hervor, daß der Vater und
Großvater väterlicherseits an Blasenkatarrhen infolge von Prostata-
hypertrophie (Prostata = Uterus masculinus?) leiden, so werden wir,
Bettnässen und Albuminurie der jüngeren Kinder gleichzeitig ins Auge
fassend, auch eine Minderwertigkeit des Harnapparates, die sich wie
die anderen Minderwertigkeiten hereditär geltend macht, zu konstatieren
haben.

Eine ganze Reihe von Erkrankungen, die sich hereditär durch-
setzen, kann ich hier übergehen oder kurz anführen, weil sie für
das, was in diesem Kapitel vor allem gezeigt werden soll, wenig Ge-

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[20/0032] sation in der Lungenspitze in Anspruch. Sie erklärt sich unseres Er- achtens am besten mit der Annahme einer besonderen Minderwertigkeit an dieser Stelle. Die Fränkelsche Enge der oberen Thoraxapertur, der vorspringende Angulus Ludovica, der Habitus phthisicus, die von Sorgo und Schick hervorgehobene geringere Ausbildung des Warzenhofes auf der befallenen Seite stellen nichts anderes vor als periphere Kennzeichen der Minderwertigkeit des Atmungsorganes, sind sicherlich nicht ätio- logisch zu verwerten, ebensowenig wie der geringere Luftwechsel in der Spitze. Alle diese Zeichen finden sich nicht nur bei Phthisikern, sind aber jedenfalls ausgiebige Verdachtsmomente. Die auffallende Größe der Lungen bei Phthisikern weist auf jenes Moment der Wachs- tumstendenz in minderwertigen Organen hin, von dem oben bereits ge- sprochen wurde. Des gleichen Eindruckes kann man sich auch nicht erwehren bei der Beobachtung des Zustandekommens von Riesenzellen. Andrerseits ist die Rolle der Tuberkelbazillen sowie der sozialen Ver- hältnisse als determinierend sichergestellt. Familie E.: Vater Emphysem und chronische Bronchitis, Mutter bei einer Frühgeburt an Verblutung gestorben. Von den Söhnen der ältere gesund; der jüngere erkrankte im 23. Lebensjahre an linksseitiger Pleuritis, linksseitiger Spitzenaffektion und Albuminurie. Litt an chro- nischer Koryza, Schwellung der Rachenmandel und der Nasenmuscheln. Ältere Schwester leidet an Nieskrampf (leider liegt kein Befund vor) und machte im 35. Lebensjahre eine Myomoperation durch. Jüngere Schwester litt in der Kindheit an Bettnässen, hatte häufig Nasenkatarrhe und rezidivierende Laryngitis. Die ältere Schwester ist kinderlos, die jüngere überstand 3 schwere Geburten, bei denen sich Hydramnios und außergewöhnlich große Kinder vorfanden. Keine nennenswerten Veränderungen der Beckenmaße. In dieser Familie dokumentiert sich die Minderwertigkeit des Atmungsorganes an verschiedenen Stellen und in verschiedener Form. Ebenso die Minderwertigkeit der Sexualorgane der weiblichen Mitglieder. Hebe ich noch hervor, daß der Vater und Großvater väterlicherseits an Blasenkatarrhen infolge von Prostata- hypertrophie (Prostata = Uterus masculinus?) leiden, so werden wir, Bettnässen und Albuminurie der jüngeren Kinder gleichzeitig ins Auge fassend, auch eine Minderwertigkeit des Harnapparates, die sich wie die anderen Minderwertigkeiten hereditär geltend macht, zu konstatieren haben. Eine ganze Reihe von Erkrankungen, die sich hereditär durch- setzen, kann ich hier übergehen oder kurz anführen, weil sie für das, was in diesem Kapitel vor allem gezeigt werden soll, wenig Ge-

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Zitationshilfe: Adler, Alfred: Studie über Minderwertigkeit von Organen. Berlin u. a., 1907, S. 20. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/adler_studie_1907/32>, abgerufen am 30.09.2020.