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Adler, Alfred: Studie über Minderwertigkeit von Organen. Berlin u. a., 1907.

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Minderwertigkeit fallen zu lassen und den Begriff einer "relativen"
Minderwertigkeit
einzuführen, die sich, sei es zeitweilig oder nur
gewissen Krankheitsursachen gegenüber geltend macht. Bezüglich der
Tuberkulose freilich scheinen die Beweise einer primären Minderwertig-
keit der Lunge oder anderer befallener Organe reichlicher vorhanden
zu sein. Schon das hereditäre Auftreten erleichtert diese Annahme. Des-
gleichen die oft typische Lokalisation in Lunge, Niere, Gelenken und
Gehirn. Tatsächlich liegen Hinweise vor auf Befunde, die gewisse
Wachstumshemmungen anschuldigen, wie von Fränkl, Schick und Sorgo,
Befunde, die wir ohne weiteres mit den von uns später hervorgehobenen
Degenerationszeichen in eine Reihe stellen können.

Bezüglich des Diabetes, der Epilepsie, der Neugebilde, des chro-
nischen Alkoholismus, der Fettsucht, des Kretinismus und einigen an-
deren Erkrankungen behalte ich mir vor, nach Durchsicht eines größeren
Materiales deren Stellung zur Lehre von der Organminderwertigkeit zu
präzisieren. Eine kleine Beobachtungsreihe hat mir nahegelegt, auch
diese Affektionen als auf der Grundlage der Organminderwertigkeit
aufgebaut zu betrachten.

Die Rolle des Zufalls bei Erkrankungen minderwertiger Organe
ist sicherlich nicht so groß, als gemeiniglich angenommen wird. We-
nigstens begegnet man Fällen, die so sonderbar anmuten, daß eine
größere Reihe von ihnen imstande ist, einem die Ansicht aufzu-
zwingen, ihre Determination sei anders und strikter gegeben als durch
den Zufall. Einen dieser Fälle will ich im folgenden vorlegen. Ladis-
laus F., 8 Jahre alt, erlitt im August des Jahres 1905 eine Verletzung
durch eine Schreibfeder im äußeren oberen Quadranten des linken
Augapfels, die durch die Conjunctiva bulbi bis in die Sklera reichte.
Patient war einem mit der Feder herumfuchtelnden Kollegen zu nahe
gekommen, ohne daß einem der beiden Knaben ein Verschulden aus
Böswilligkeit oder besonderer Unachtsamkeit nachgewiesen werden
konnte. Die Wunde heilte unter geringer Reaktion. Im Oktober des
Jahres 1905 stellte sich der Knabe wieder vor mit einem in der Kor-
nea des linken Auges eingekeilten Kohlensplitter, der ihm bei einem
Windstoß ins Auge geflogen war. Nach Extraktion des Fremdkörpers
trat in kurzer Zeit Heilung ein. Im Januar des Jahres 1906 erlitt Pa-
tient abermals einen Stich ins linke Auge, der ihm ebenso wie beim
ersten Male von einem Schulkollegen mit einer gebrauchten Schreib-
feder zugefügt wurde, etwa 1 cm unterhalb und einwärts von der ersten
Stichverletzung. Auch diese Verletzung heilte wie die erste in kurzer
Zeit mit Hinterlassung einer tintig tingierten Narbe. Man könnte meinen,

Minderwertigkeit fallen zu lassen und den Begriff einer „relativen“
Minderwertigkeit
einzuführen, die sich, sei es zeitweilig oder nur
gewissen Krankheitsursachen gegenüber geltend macht. Bezüglich der
Tuberkulose freilich scheinen die Beweise einer primären Minderwertig-
keit der Lunge oder anderer befallener Organe reichlicher vorhanden
zu sein. Schon das hereditäre Auftreten erleichtert diese Annahme. Des-
gleichen die oft typische Lokalisation in Lunge, Niere, Gelenken und
Gehirn. Tatsächlich liegen Hinweise vor auf Befunde, die gewisse
Wachstumshemmungen anschuldigen, wie von Fränkl, Schick und Sorgo,
Befunde, die wir ohne weiteres mit den von uns später hervorgehobenen
Degenerationszeichen in eine Reihe stellen können.

Bezüglich des Diabetes, der Epilepsie, der Neugebilde, des chro-
nischen Alkoholismus, der Fettsucht, des Kretinismus und einigen an-
deren Erkrankungen behalte ich mir vor, nach Durchsicht eines größeren
Materiales deren Stellung zur Lehre von der Organminderwertigkeit zu
präzisieren. Eine kleine Beobachtungsreihe hat mir nahegelegt, auch
diese Affektionen als auf der Grundlage der Organminderwertigkeit
aufgebaut zu betrachten.

Die Rolle des Zufalls bei Erkrankungen minderwertiger Organe
ist sicherlich nicht so groß, als gemeiniglich angenommen wird. We-
nigstens begegnet man Fällen, die so sonderbar anmuten, daß eine
größere Reihe von ihnen imstande ist, einem die Ansicht aufzu-
zwingen, ihre Determination sei anders und strikter gegeben als durch
den Zufall. Einen dieser Fälle will ich im folgenden vorlegen. Ladis-
laus F., 8 Jahre alt, erlitt im August des Jahres 1905 eine Verletzung
durch eine Schreibfeder im äußeren oberen Quadranten des linken
Augapfels, die durch die Conjunctiva bulbi bis in die Sklera reichte.
Patient war einem mit der Feder herumfuchtelnden Kollegen zu nahe
gekommen, ohne daß einem der beiden Knaben ein Verschulden aus
Böswilligkeit oder besonderer Unachtsamkeit nachgewiesen werden
konnte. Die Wunde heilte unter geringer Reaktion. Im Oktober des
Jahres 1905 stellte sich der Knabe wieder vor mit einem in der Kor-
nea des linken Auges eingekeilten Kohlensplitter, der ihm bei einem
Windstoß ins Auge geflogen war. Nach Extraktion des Fremdkörpers
trat in kurzer Zeit Heilung ein. Im Januar des Jahres 1906 erlitt Pa-
tient abermals einen Stich ins linke Auge, der ihm ebenso wie beim
ersten Male von einem Schulkollegen mit einer gebrauchten Schreib-
feder zugefügt wurde, etwa 1 cm unterhalb und einwärts von der ersten
Stichverletzung. Auch diese Verletzung heilte wie die erste in kurzer
Zeit mit Hinterlassung einer tintig tingierten Narbe. Man könnte meinen,

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[7/0019] Minderwertigkeit fallen zu lassen und den Begriff einer „relativen“ Minderwertigkeit einzuführen, die sich, sei es zeitweilig oder nur gewissen Krankheitsursachen gegenüber geltend macht. Bezüglich der Tuberkulose freilich scheinen die Beweise einer primären Minderwertig- keit der Lunge oder anderer befallener Organe reichlicher vorhanden zu sein. Schon das hereditäre Auftreten erleichtert diese Annahme. Des- gleichen die oft typische Lokalisation in Lunge, Niere, Gelenken und Gehirn. Tatsächlich liegen Hinweise vor auf Befunde, die gewisse Wachstumshemmungen anschuldigen, wie von Fränkl, Schick und Sorgo, Befunde, die wir ohne weiteres mit den von uns später hervorgehobenen Degenerationszeichen in eine Reihe stellen können. Bezüglich des Diabetes, der Epilepsie, der Neugebilde, des chro- nischen Alkoholismus, der Fettsucht, des Kretinismus und einigen an- deren Erkrankungen behalte ich mir vor, nach Durchsicht eines größeren Materiales deren Stellung zur Lehre von der Organminderwertigkeit zu präzisieren. Eine kleine Beobachtungsreihe hat mir nahegelegt, auch diese Affektionen als auf der Grundlage der Organminderwertigkeit aufgebaut zu betrachten. Die Rolle des Zufalls bei Erkrankungen minderwertiger Organe ist sicherlich nicht so groß, als gemeiniglich angenommen wird. We- nigstens begegnet man Fällen, die so sonderbar anmuten, daß eine größere Reihe von ihnen imstande ist, einem die Ansicht aufzu- zwingen, ihre Determination sei anders und strikter gegeben als durch den Zufall. Einen dieser Fälle will ich im folgenden vorlegen. Ladis- laus F., 8 Jahre alt, erlitt im August des Jahres 1905 eine Verletzung durch eine Schreibfeder im äußeren oberen Quadranten des linken Augapfels, die durch die Conjunctiva bulbi bis in die Sklera reichte. Patient war einem mit der Feder herumfuchtelnden Kollegen zu nahe gekommen, ohne daß einem der beiden Knaben ein Verschulden aus Böswilligkeit oder besonderer Unachtsamkeit nachgewiesen werden konnte. Die Wunde heilte unter geringer Reaktion. Im Oktober des Jahres 1905 stellte sich der Knabe wieder vor mit einem in der Kor- nea des linken Auges eingekeilten Kohlensplitter, der ihm bei einem Windstoß ins Auge geflogen war. Nach Extraktion des Fremdkörpers trat in kurzer Zeit Heilung ein. Im Januar des Jahres 1906 erlitt Pa- tient abermals einen Stich ins linke Auge, der ihm ebenso wie beim ersten Male von einem Schulkollegen mit einer gebrauchten Schreib- feder zugefügt wurde, etwa 1 cm unterhalb und einwärts von der ersten Stichverletzung. Auch diese Verletzung heilte wie die erste in kurzer Zeit mit Hinterlassung einer tintig tingierten Narbe. Man könnte meinen,

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Zitationshilfe: Adler, Alfred: Studie über Minderwertigkeit von Organen. Berlin u. a., 1907, S. 7. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/adler_studie_1907/19>, abgerufen am 30.09.2020.