den F[ra]nzösischen Hof, und von da nach Deutschland und die übrige [c]ivilisirte Welt kam, und sich bis auf unsere Zeit weiter ausbilde[t]e, hat bereits Herr von Rumohr trefflich dargethan, worauf ich verweise.
Mö[ge]n die gegebenen Andeutungen genügen, um zu zeigen, wie die Mensch[h]eit vom Essen zur Eßkunst sich emporzuarbeiten gerungen.
Wie [a]ber die älteren Helden überhaupt mehr durch die Stärke ihr[e]r Knochen und die Kraft ihrer Muskeln vor der übrigen He[verlorenes Material - 1 Zeichen fehlt]rde hervorragten, wie überhaupt da die Quantität den Ausschl[a]g gab, so haben auch diejenigen, welche in früheren Zeiten im Essen Ausgezeichnetes leisteten, es zunächst durch die Massenhaftigkeit und Menge des Genossenen bewährt. Milo von Kroton, so erzählt die Sage, schlug mit Einem Streich einen Ochsen tod, lud ihn auf die Schulter und trug ihn im Lauf davon; -- aß ihn aber auch vollkommen auf. Lepraeus Elaus, mit dem Zunamen: der Ochsenfresser, that es ihm gleich, und überw[a]nd in einem Eßwettstreite selbst die gewaltige Kraft des Her[a]kles. Der berühmte Musiker und Tänzer Herodot von Megara aß gewöhnlich 20 Pfund Fleisch und eben so viel Brod. Kaiser Maximinius verzehrte auf einmal 40 -- 60 Pfund Fleisch und trank einen Eimer Wein dazu. Aber er zog auch einen stark beladenen Wagen mit Einer Hand und schlug einem Pferd mit einem einzigen Streich alle Zähne in den Rachen.
Eine spätere Zeit setzte nun die eigentliche Form in die Kraft des Kopfs. Es galt Plan, Gedanken, Bewußtsein. Es galt Sinn, Wahl, Kunst!
LudwigXIII. machte Consituren, LudwigXV. kochte sich seinen Caffee selbst. -- Friedrich der Große ließ sich jeden Abend den Küchenzettel für den folgenden Tag, mit derselben Pünktlichkeit wie irgend einen Rapport, bringen. Mit Inter- esse las er ihn durch, freute sich, wenn er Lieblingsspeisen (Po- lenta und Aalpastete) darauf fand, wie ein Mensch, wählte und corrigirte. Der Tiefdenker Kant besorgte mit liebendem Eifer
den F[ra]nzoͤſiſchen Hof, und von da nach Deutſchland und die uͤbrige [c]iviliſirte Welt kam, und ſich bis auf unſere Zeit weiter ausbilde[t]e, hat bereits Herr von Rumohr trefflich dargethan, worauf ich verweiſe.
Moͤ[ge]n die gegebenen Andeutungen genuͤgen, um zu zeigen, wie die Menſch[h]eit vom Eſſen zur Eßkunſt ſich emporzuarbeiten gerungen.
Wie [a]ber die aͤlteren Helden uͤberhaupt mehr durch die Staͤrke ihr[e]r Knochen und die Kraft ihrer Muskeln vor der uͤbrigen He[verlorenes Material – 1 Zeichen fehlt]rde hervorragten, wie uͤberhaupt da die Quantitaͤt den Ausſchl[a]g gab, ſo haben auch diejenigen, welche in fruͤheren Zeiten im Eſſen Ausgezeichnetes leiſteten, es zunaͤchſt durch die Maſſenhaftigkeit und Menge des Genoſſenen bewaͤhrt. Milo von Kroton, ſo erzaͤhlt die Sage, ſchlug mit Einem Streich einen Ochſen tod, lud ihn auf die Schulter und trug ihn im Lauf davon; — aß ihn aber auch vollkommen auf. Lepraeus Elaus, mit dem Zunamen: der Ochſenfreſſer, that es ihm gleich, und uͤberw[a]nd in einem Eßwettſtreite ſelbſt die gewaltige Kraft des Her[a]kles. Der beruͤhmte Muſiker und Taͤnzer Herodot von Megara aß gewoͤhnlich 20 Pfund Fleiſch und eben ſo viel Brod. Kaiſer Maximinius verzehrte auf einmal 40 — 60 Pfund Fleiſch und trank einen Eimer Wein dazu. Aber er zog auch einen ſtark beladenen Wagen mit Einer Hand und ſchlug einem Pferd mit einem einzigen Streich alle Zaͤhne in den Rachen.
Eine ſpaͤtere Zeit ſetzte nun die eigentliche Form in die Kraft des Kopfs. Es galt Plan, Gedanken, Bewußtſein. Es galt Sinn, Wahl, Kunſt!
LudwigXIII. machte Conſituren, LudwigXV. kochte ſich ſeinen Caffee ſelbſt. — Friedrich der Große ließ ſich jeden Abend den Kuͤchenzettel fuͤr den folgenden Tag, mit derſelben Puͤnktlichkeit wie irgend einen Rapport, bringen. Mit Inter- eſſe las er ihn durch, freute ſich, wenn er Lieblingsſpeiſen (Po- lenta und Aalpaſtete) darauf fand, wie ein Menſch, waͤhlte und corrigirte. Der Tiefdenker Kant beſorgte mit liebendem Eifer
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den Franzoͤſiſchen Hof, und von da nach Deutſchland und die
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Moͤgen die gegebenen Andeutungen genuͤgen, um zu zeigen, wie
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einen Ochſen tod, lud ihn auf die Schulter und trug ihn im
Lauf davon; — aß ihn aber auch vollkommen auf. Lepraeus
Elaus, mit dem Zunamen: der Ochſenfreſſer, that es ihm
gleich, und uͤberwand in einem Eßwettſtreite ſelbſt die gewaltige
Kraft des Herakles. Der beruͤhmte Muſiker und Taͤnzer
Herodot von Megara aß gewoͤhnlich 20 Pfund Fleiſch und
eben ſo viel Brod. Kaiſer Maximinius verzehrte auf einmal
40 — 60 Pfund Fleiſch und trank einen Eimer Wein dazu. Aber er
zog auch einen ſtark beladenen Wagen mit Einer Hand und ſchlug
einem Pferd mit einem einzigen Streich alle Zaͤhne in den Rachen.
Eine ſpaͤtere Zeit ſetzte nun die eigentliche Form in die
Kraft des Kopfs. Es galt Plan, Gedanken, Bewußtſein. Es
galt Sinn, Wahl, Kunſt!
Ludwig XIII. machte Conſituren, Ludwig XV. kochte
ſich ſeinen Caffee ſelbſt. — Friedrich der Große ließ ſich jeden
Abend den Kuͤchenzettel fuͤr den folgenden Tag, mit derſelben
Puͤnktlichkeit wie irgend einen Rapport, bringen. Mit Inter-
eſſe las er ihn durch, freute ſich, wenn er Lieblingsſpeiſen (Po-
lenta und Aalpaſtete) darauf fand, wie ein Menſch, waͤhlte und
corrigirte. Der Tiefdenker Kant beſorgte mit liebendem Eifer
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Antonius Anthus [i. e. Blumröder, Gustav]: Vorlesungen über Esskunst. Leipzig, 1838, S. 39. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/anthus_esskunst_1838/53>, abgerufen am 22.02.2025.
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